culturelush
suck the marrow of life

          stay motivated. do not stay at home


...and to get more keen on Kafka and Prague 



        ...and to awake in New York 


Wo man sich in der Stadt der Superlative kurz-oder langfristig aufhalten sollte. Was man tun, was lieber lassen sollte. 

Es sind immer die hupenden Sirenen um zwei Uhr nachts, die einen daran erinnern, dass man sich hier befindet. Hier, in der exklusivsten Stadt der Welt, die sich selbst mit dem Motto „Excelsior“ –„Höher hinaus“ eine hohe zu bewältigende Messlatte gegeben hat. Permanent erinnern die Sirenen von New Yorks „Fire Department“ daran, und rauben einem den durch Fensterscheiben ohne anständige Jalousien ohnehin schon erschwerten Schlaf. 
Wohl eher nach mehrstündigem Hin-und Herwälzen als tatsächlichem Schlaf wacht man also auf und blickt direkt vom Bett (nehmen wir zunächst mal an, wir befänden uns im Times-Square-Viertel) in das gleißendste Leuchtchaos aus interaktiven Werbetafeln, auf denen sich strahlende Menschen auf einer Wiese aus Hershey’s-Schokoladen tummeln und trotz ihres vermeintlich übermäßigen Konsums noch solche Zähne besitzen, um mit den weißen Lichtern in Wattebällchen-Form über den Eingängen der Broadway-Theater mithalten zu können. 
Oder aber man hat das Vergnügen, auf - für New York unfassbar niedrige - Brownstone-Häuser mit unfassbar luxuriösen Dachterrassen zu blicken, die durch ihre „Urban Gardening“ betreibenden reichen Besitzer mit frischgrünen Sträuchern und fülligen Buchsbäumen top in Schuss gehalten sind (für den Fall, dass man im neuerdings aufstrebenden Meatpacking District logiert). 
Um noch weitere, für New York atypische Eindrücke von lebhafter Natur zu erhalten, würde sich a) der Ausblick auf Seen anbieten, die von Paaren auf romantisch-verschlungenen Brücken überquert werden (Upper East Side, aber nur wer es sich leisten kann). Oder Option b), eine riesige Grünfläche, mitten ins Schachbrettmuster gepresst, auch Central Park oder Grüne Lunge New Yorks genannt. Hier sollte man ein Apartment auswählen, dass zwar nicht in 30 Stockwerke Aufzugsfahrten benötigt, jedoch zumindest eine solche Höhe erreicht, um sich den delikaten Panorama-Blick auf die Stadt unter strahlendem Himmel einzuverleiben. 
Vielleicht befindet man sich aber auch an einem Ort in New York, wo man sich nicht mal mehr daran erinnern kann, dass so etwas wie ein Himmel jemals existiert haben soll. Denn vielleicht ist man ja auch von Gebäuden umgeben, die - so abstrakt und alienhaft, dass sie unmöglich von menschlichen Wesen erbaut sein können-, mächtig in den Himmel ragen und dessen kleinste Fetzen verdecken (Financial District). 

Get ready fast!? 
Nevermind, an welcher Location auch immer man sich in New York man sich befinden mag, wacht man also nach einer geräderten Nacht auf. Mit brummendem Schädel tappt man ins Bad, um sich in allerfrühesten Morgenstunden zuerst einmal mit dem undurchschaubaren System amerikanischer Duschanlagen auseinanderzusetzen. Eigentlich möchte man heute Haare waschen ohne den ganzen Körper dazu, also nur Kopf über der Wanne. So zwängt man also mühsam, vor den niedrigen Badewannenrand kniend, seinen Kopf unter den noch niedrigeren Hahn in etwa 1,5 cm Höhe. Um sich dann suchend und mit geschlossenen Augen, weil man ja mit dem Gesicht faktisch auf dem Wannenboden gepresst liegt, an den Knöpfen entlangzutasten, bis man natürlich den falschen davon erwischt und das Wasser nicht nur von vorne über den Haarschopf, sondern auch von oben auf den Rücken prasselt. Ergeben stellt man sich nun also doch gänzlich nackt in die Badewanne - und fällt vor Schreck beinahe um, weil nun wahrhaftiges Eiswasser den ganzen Körper benetzt und mit spitzen Hagelkörnern verletzt. Anscheinend funktioniert der Temperatur-Regler nicht. Oder man ist einfach zu blöd. 

A long way 'til the first bite...
Anyway, ein solches Eiswasser bereitet praktischerweise auf die hiesigen Frühstücksgepflogenheiten vor, denen man sich, jetzt schon total am Ende, als nächste Herausforderung des Morgens stellen muss: Im Diner um die Ecke wird einem von der nicht minder kühlen und ungeduldig-reservierten Bedienung wortlos ein Glas EISWASSER hingeknallt und, mit den Fingernägeln auf den Tisch trommelnd, ungeduldig auf die Bestellung gewartet. Vor lauter Hetze und Eile entscheidet man sich für das Western Sandwich, weil es ganz oben auf der Speisekarte steht. Wer jedoch nach einer durchwachten Nacht und einem eiskalten Schock für derartige Anstrengungen innerhalb menschlicher (Nicht-)Kommunikation zu sensibel ist, kann auch die Option des minimal begrenzten Kontakts zu Kellnern wählen und einfach zu einer der 13000 Starbucks-Filialen in New York gehen. Dort lässt er sich zu einschläfernder Hip-Hop-Musik (Respekt, diese Kombination muss man auch erst mal hinbekommen) auf unbequemen Holzstühlen an wackeligen Tischchen nieder, wickelt mit Mühe und Not seinen plastikverpackten Avocado-Linsen-Cashew -Bagel aus und verbrennt sich am decaf in einem Pappbecher mit der grünen „Starbucks“-Muße und falsch hingekritzeltem Namen fast die Zunge – für schätzungsweise 22, 50 Dollar. 
Na guten Appetit! And have a nice day, honey! 

...and to wish to arrive anywhere 

Back to the roots in Sachen Abenteuerreise kommt man, wenn man mal wieder auf die Idee kommt, mit dem Flixbus zu verkehren. Hinter mir sitzt ein stinkender Mann, damit fängt es schon mal an, der auf Tschechisch oder Slowakisch für die ganze Besatzung hörbar in sein Telefon brabbelt und nicht zuletzt noch unverschämt hörbar die Nase hochzieht. Vor mir, damit geht es weiter, eine dümmliche Blondine. Die hat zwar dankenswerterweise ihr Telefongespräch mit der Freundin beendet - einen furchtbar anzuhörenden Trash-Talk über ihre möglichen "Errungenschaften", den ich als nicht wirklich erstrebenswert finde, um ihn hier wiederzugeben ("alta, und der Typ, den ich jeden Morgen bei "Backwerk" treffe, der hat schon wieder so geschaut alta, dem seine Kumpels haben dann auch so gelacht und gemeint, dass ihr Bro mich richtig nice findet und es nur nicht sagen traut, aber das ich schon so ne geile Braut für ihn wär und so"). Mist, so schnell wird man dazu verleitet, doch länger hinzuhören, weil man es schon irgendwie faszinierend findet, was da von sich gegeben wird und schwupps, hat man schon wieder mehr darüber geschrieben, als man wollte. SO, jetzt ist aber Schluss damit. 

Es sind immer die anderen 

Man sollte man nicht meinen, dass eine Person so wenig Empathie für ihre Mitmenschen besitzt, als ihnen neben dem Telefongespräch noch mehr aufzubürden und ein Fischbrötchen vom Autorasthof zu mampfen, dem ein noch penetranterer Geruch innewohnt als dem verehrten Kollegen zwei Plätze weiter hinten. Punktgenau tönen jetzt die Ansagen des genervten Flixbus-Fahrers durch die Lautsprecher; typischerweise erst im letzten Drittel der Fahrt, auf welcher er bislang keinen Mucks von sich gegeben hat, weist er erst jetzt darauf hin, dass man sich gefälligst anschnalle solle und die Toilette nicht schmutzig machen solle. Sich am besten einfach zusammenreißen und gar nicht erst den Locus aufsuchen, sonst könne er selbst sehr sauer werden. Die übliche "Bitte-nicht-für-andere-Gäste-unangenehm-störende-Anrufe-tätigenden-oder-sonstige-Geräusche-von-sich-gebenden"-Message dringt leider zu meinen Sitznachbarn nicht ganz durch (stinkender Geruch, plärrende Geräusche). Aber zumindest für eine Sache kann ich Gott danken - dass er mich in diesem hellgrünen Bus mit dem mittlerweile jahrelang vertrauten und daher irgendwie anheimelnden Logo wenigstens meinen unmittelbaren Sitznachbarn (also den direkt neben mir) zu einem Menschen erschaffen hat, der es mit den Regeln offenbar sehr ernst nimmt. Vermutlich intuitiv, weil er einfach ein sehr höflicher Mensch ist, denn es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass er jedes einzelne Wort des Busfahrers durch seine überdimensionalen Kopfhörer hindurch mitbekommt. In die Musik ist er vollkommen hineinvertieft, geht simultan mit dem Zeigefinger im anscheinend dazugehörigen Notenbuch mit. Deswegen verfüge ich auch über die Insider-Information, dass es sich um höchst anspruchsvolle Sinfonien der Klarinette im Klassik-Orchester - für Fortgeschrittene - handelt. Das ist dankenswerterweise auch die einzige Bewegung, die er macht, wippt also nicht hektisch mit dem Kopf mit, sodass ich wieder einen Grund finden könnte, mich aufzuregen. Ich lehne mich zurück und fange langsam an, den Groll abzubauen und die Fahrt zu genießen und alles um mich herum auszublenden. Bis er seine Hand doch von den Noten nimmt... und einer Tafel Schokolade greift. Was ja auch vollkommen vertretbar ist, wann hat der beste Freund Schoki denn noch nicht geholfen? Alles vollkommen verständlich, wenn es sich bei Schoki zumindest in der jetzigen Situation nicht um ein rivales, privates und ausschließbares Gut handeln würde. Mit anderen Worten; etwas, was nur für ihn bestimmt ist. Und bei meinem Magen handelt es sich momentan um ein privates, aber unnützes da leeres Gut. Ganz gemein. Ich schiele zu ihm herüber. Er soll mir was übrig lassen, verdammt. Bitte nicht aufessen, ich falte die Hände und schicke ein inständiges Stoßgebet an den Gott, dem ich doch gerade für seine Gnade und Barmherzigkeit gedankt habe. 

Letzten Endes Nächstenliebe

Und dann, so scheint es, wird meine Bitte erhört. Es raschelt von hinten, ich drehe mich zunächst aggressiv um.weiß ja schließlich noch nicht, dass es Gottes Hilfe ist, die naht. Sieh mal einer an, es handelt sich um den Tschechen/Slowaken/vielleicht auch was ganz anderes/Italiener oder so/, der hat eine Plastiktüte in der Hand, beim Auspacken hält er zögerlich inne, wahrscheinlich von meinem aggressiven Blick eingeschüchtert. Er fragt schüchtern in gebrochenem Deutsch, ob "du auch wolle, hm?" und ich starre ihn verständnislos an. Er fummelt an der abgenutzten Plastiktüte herum und nun wird mir einiges klar. Ich nehme ein Stück aus der braunen Verpackung, die mit verlockenden Nusssplittern und einem elegant geschwungenen fremdländischen Schriftzug auf dessen Inhalt verweist. "Polnisch beste, hm?", der Mann freut sich und grinst. 

Polnisch, soso. 


.... and celebrate New Year in Budapest

Wenn man am Altjahresabend einfach nur noch auf der Suche nach IRGENDEINEM Restaurant ist, in dem man unterkommen kann, um in der Kälte nicht zu sterben. Dann setzt man sich im schlimmsten Fall, weil auf dem Fisher's Bastion gefühlt alles geschlossen hat (WARUM? Es ist Silvester, verdammt noch mal. Und noch weit entfernt von infektionsbedingten Isolationszuständen), gezwungenermaßen ins Restaurant von Jamie Oliver. Keine ungarischen würzigen ungewöhnlichen Spezialitäten, aber Pasta und Grünkohlsalat; kettenkommerziell, aber wirklich sehr gut vorbereitet, das muss man ihm lassen. Und man geht den ganzen Abend dann nicht mehr nach draußen. Bei leuchtenden Cocktails an einer Bar so zu tun, als ob man sich den Altjahresabend in Budapest leisten könnte, ist doch auch ganz schön. Vieux Carré, Cosmopolitan, Martinini on the Rock stehen unter anderem nach und nach auf der Theke.  Erst drei Minuten vor Mitternacht, da muss es dann schnell gehen; dann hält man den Kellner an, sich doch zu beeilen mit der Rechnung und gerät in Panik, weil man Angst hat, das große Feuerwerk auf der Burg mit Blick über die gesamte Stadt nicht mehr mitzubekommen. Hinaus in die Kälte, wir beiden sind mit unseren durchsichtigen Strumpfhosen und Jumpsuits von Topshop natürlich viel zu dünn angezogen, aber hatten beide den Drang, uns prophylaktisch durchzustylen; für den Fall, dass wir heute noch einer Einladung folgen können. Werden wir nicht, wir werden inmitten der Menschenmassen trotzdem etwas verloren an der Danube herumstreunen und dann in die Jugendherberge zurückkehren, viel eher, als wir für eine Silvesternacht geplant und gehofft hätten. Wir sind aber beide glücklicherweise zu müde, um uns über diese doch recht traurige Tatsache Gedanken zu machen. Am nächsten Morgen dann um 9.30 Uhr auf und auschecken, ein so grauenvolles Erwachen habe ich noch nicht erlebt und der Rest des Schlafsaals offenbar auch nicht. Es wird gestöhnt und sich geräkelt und gestreckt und panisch versucht, sich irgendwie noch rechtzeitig aus dem Bett zu begeben. Nach der eiskalten Dusche im unhygienischen Waschraum, die sich als wesentlich komplizierter herausstellt als gedacht, stehen wir schon wieder draußen, in irgendeiner weitläufigen Straße mit prächtigen Häusern. Was machen wir nun mit dem angebrochenen Tag? Stromern durch die Stadt, genießen die wunderbare Sonne, wie sie nur am 01. Januar strahlen kann.  verbringen den Tag damit, über die ganzen schönen Menschen zu staunen, die sicher nicht nur am ersten Tag des neuen Jahres Grund zum Strahlen haben. Alle Menschen in Budapest sehen so wahnsinnig faszinierend aus, mit ihrer wunderbaren Aura und den makellosen Gesichtern. Ist es dem offensichtlich sehr dankbaren ungarischen Genpool geschuldet oder gehören sie alle einfach nur dem widely internationalen Zirke aus gutbetuchten abgeklärten Kosmopoliten an? Wie dem auch sei, sie haben sich mit dieser ausnahmslos WUNDERSCHÖNEN Stadt den besten Ort ausgesucht, ihre eigene Ausnahmslosigkeit zu umrahmen. Diese Menschen faszinieren uns so sehr, dass auch wir, die kleinen Mädchen mit gefakten Fendi-Taschen, fast gar nichts bereuen. Nicht die Drinks von gestern, die nicht von attarktiven Endzwanzigern übernommen wurden, nicht die Nicht-Einladungen, auf die wir natürlich nicht gewartet hätten. Mit einem Nicht-Kater in ein Nicht-neues Jahr, weil es ohnehin so ablaufen wird wie das alte. Nicht glücklich, aber auch nicht so schlimm wie das alte. 
Well then... (no) happy new year!

...and enjoy the morning in Cyprus (but nothing more) 


wenn man  vom Glockenläuten einer zypriotisch orthodoxen Kirche erwacht und den sanften hellorangenen Sonnenaufgang über dem Mittelmeer sieht, den sehr östlichen Teil des Mittelmeeres, wo wir uns gerade befinden. Sehr orientalisch mutet Zypern hier an, wenn auch stark dominiert von den kapitalistischen Auswüchsen westlichen Konsumgenusses, der sich im letzten halben Jahrhundert wie überall ja doch irgendwie breit gemacht hat. Eine seltsame Kombination, wenn man genauer darüber nachdenkt, an welchem Fleckchen Erde man sich eigentlich befindet und sich nicht einfach nur am tourismus-terrorismus-belagerten Strand vor dem Hotelbunker niederlässt und zwei Urlaubswochen lang das Gehirn abschaltet. Ich lasse mich nicht nur den ganzen Tag von der Sonne hier bescheinen, verspüre aber dennoch keinen beachtlichen Entdeckungsdrang, diese seltsame Insel weiterhin zu erkunden. Es reicht ja, wenn ich es wenigstens faszinierend finde. Da muss ich mich nicht auch noch auf Entdeckungstour begeben. Und mir so was anschauen wie griechisch-orthodoxe Kirchen und feststellen, wie wahnsinnig toll ich diese Inneneinrichtung mit ihren unzähligen vergoldeten Madonnen finde, obwohl mir dieser überladene Stil doch immer furchtbar zuwider war. 

Oder irgendwelche alten Kastelle am Mittelmeer, die von den Türken und Zyprioten (?) heftig umkämpft worden sind. Oder den Regen, wie er so auf Zypern fällt zu einer Jahreszeit, von der man nicht einmal erwartet hätte, überhaupt irgendetwas an Regen mitzubekommen. Und er fällt sogar in viel größeren Massen, als man erwartet hätte. Und es ist viel kälter in der Wohnung, als man erwartet hätte, wenn man dann tropfnass und mit hängenden Schulter ins Guesthouse zurückkehren muss, weil keine andere Alternative bleibt. Außer im Meer zu schwimmen. Aber der Kaffee hier ist so viel besser, als man je gedacht hätte. Kräftig, vollmundig, er reißt einen dazu hin, es witzig zu finden, dass der Kaffeesatz zwischen den Zähnen hängen bleibt. Das gehört genauso dazu, wie abends wenigstens einmal das kulinarische Must-Have Zyperns bestellt zu haben. Man muss sich also auf eine Riesenladung an 30 kleinen Gerichten mental einstellen: Zehn verschiedene würzige Dip-Sorten, in Öl eingeweichtes und trotzdem knuspriges Brot, grüne und schwarze Oliven, Wein natürlich (leider schlechter, als man erwartet hätte), sehr leckere und knusprige und durchsichtige Ringe, die leider nicht zu identifizieren und einer bestimmten Nahrungsmittelgruppe zuzuordnen sind (auf jeden Fall keine Tintenfischringe). 

Und hey, dann befindet man sich doch schon mitten in der Entdeckungstour dieser seltsamen Insel im östlichen Mittelmeer und ist so fasziniert, wie man es nicht erwartet hätte. 


 ...and 1. freeze to death in Stockholm 


Nach Skandinavien sollte man nie zur Weihnachtszeit fahren. Wirklich NIE, NIE, NIE. Wenn man nicht riskieren will, dass die Hände im wahrsten Sinne des Wortes abfrieren und aus der verkrampften Haltung nicht mehr zu lösen sind und dann einfach starr in der Luft hängen bleiben, wie ein Vampir, der gerade dabei ist, sein Opfer mit beiden Händen zu erwürgen. Klar, dass man als halbtoter Vampir in so einer Situation nicht mal mehr das Handy aus der Tasche ziehen und Google Maps fragen kann, wie zur Hölle man ins Hostel der Altstadt Stockholms wieder zurückkommt. Mit dieser süßen Ikea-Einrichtung, ohhhh. Stattdessen tritt man frierend von einem Fuß auf den anderen, solange dieser noch am Leben ist und wird dafür vom Stadtführer ausgelacht, der gerade dabei ist zu erzählen, wie hart die Schweden im Nehmen mit ihrer hausgemachten Kälte und der Dunkelheit sind, on top of that. (Es ist 15 Uhr und wir stolpern über die Treppen im Innenhof des Stockholmer Rathauses auf dem Weg zum Hafen, weil es bereits dunkel ist). 

Umso mehr Spaß hat man dann an der Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel, wenn man dann endlich wieder in den geheizten Bus steigen kann.In allen Bussen ausnahmslos ertönt nämlich eine so hübsche Melodie, wie aus dem Leierkasten am Jahrmarkt. Die Erinnerungen der Kindheit kehren zurück; mehr denn je wird man sich bewusst, wie gewaltig dieses Land seit jeher doch an der Einflussnahme auf sämtliche Kindheitserinnerungen beteiligt ist.  Der  unangefochtene Global Player im Kinderbuchladen, in der Spielecke. Bullerbü, Pippi Langstrumpf, Kalle Blomquist, Salt Krokan. 


...and 2. freeze to death in København 



Der eisigblaue Blick des Schaffners streift uns. Zuerst wundert es mich sehr, warum ich so fröstele, aber recht bald werde ich feststellen, dass in Dänemarks Hauptstadt gefühlt alle so aussehen, dass es mitnichten unnormal ist, einen Schauer über dem Rücken zu spüren. Auf den ersten Blick so kühl und abweisend, dass man nicht anders kann, als die Schultern hochzuziehen. Aber das hat rein gar nichts zu sagen, wie man nach zwei Stunden feststellen wird;  dahinter verbirgt sich einfach nur die nordische Mentalität. Eigentlich sind sie nämlich süß, alle miteinander. Auch beim Schaffner blitzt jetzt doch noch ein Zwinkern auf, nur leicht, aber es ist nicht zu übersehen, als er unsere "free interrail youth" tickets kontrolliert. 

Hygge-Weihnachten im Fröstelzustand 

Ja, wir haben uns aufgemacht, eine solche Europa-Tour mitten im tiefsten Winter zu machen. Weil uns langweilig war und es anders nicht mehr geklappt hätte. Kopenhagen am 1. Weihnachtsfeiertag ist natürlich zur besten Idee geraten, die man aus der gröbsten Langeweile heraus eben so kreieren kann. Am berühmten nyhavn-Hafen hat so früh um sieben Uhr, so kurz nach Christi Geburt nichts auf, es herrscht nichts weiter als nordische Finsternis. Und stille, fast keiner ist in den Straßen unterwegs. Gedämpftes Kirchenläuten einer protestantischen Kirche in für uns ungewöhnlich zu betrachtendem,hanseatischen Baustil, das durchdringt ein bisschen diese Stille. Wobei es auch jetzt auch nicht scheint, als ob reihenweise freundliche Dänen mit eisblauen Augen aus ihren Häusern zur Morgenmesse strömen würden. Wir kehren wieder um Richtung U-Bahn, die mehr ist als nur eine U-Bahn. Es ist ein riesiges High-Tech-Unterfangen, dass da vonstatten geht. Futuristisches Design, lautloser Verkehr, Gitter an den Bahnsteigen, die erst dann schwebend zur Seite fliegen, wenn die eintreffende U-Bahn auch wirklich und unmissverständlich anhält... Das finde ich erst heraus, nachdem ich verzweifelt am Gitter gerüttelt habe und meine Freundin mit Engelszungen auf mich einreden muss, doch damit aufzuhören. Ein Kaffee muss jetzt dringend her nach dieser überwältigenden U-Bahn-Erfahrung, wir fahren also von Gammelstrand (von dieser genialen dänischen Ironie ist hierzulande leider viel zu wenig Notiz genommen worden) wieder nach nyhavn. Die "Sonne" ist mittlerweile aufgegangen und taucht die Häuschen in ein blasses milchiges Licht, gerade so, dass man erahnen kann, wie hübsch bunt sie angemalt sind. 7.50 für ein Tässchen Cappuccino, wir nehmen es kommentarlos in Kauf. Direkt hier im Zentrum kann man kaum etwas anderes erwarten. Aber ist das dann wirklich das "Zentrum", kann man daneben nicht noch irgendetwas anderes erwarten, fragen wir uns unsicher. Gibt es noch etwas, was man hier tun kann? Das prächtige Gebäude am Anfang der Passage scheint wohl das Königliche Opernhaus zu sein. Schick, beeindruckend, mehr aber auch nicht. Schloss Amalienborg wird noch angezeigt auf Google Maps, also machen wir uns dahin auf den Weg. Auf dem gekiesten riesigen Platz vor der Schlossanlage patroulliert die Königliche Garde wie in Großbritannien, nur dass sie vielleicht mehr Gehalt bekommen sollten, wenn sie diese unglaubliche Zumutung in der Kälte ertragen müssen. Im Sommer können die Soldaten ja dann für weniger arbeiten, wenn hier eine angenehme Sommerbrise vom Meer weht. Denn im Sommer muss es hier in Kopenhagen wunderschön sein, wenn die in High-Tech-Manier gepflegten Parks sich als Bühne für lauter hübsche dänische Familien mit eisblauen Augen anbieten. Und dann Hygge ins Freie verlegt wird, an schönen frischen August-Sommernachmittage. Mehr als vorstellen kann man es sich aber nicht. Und an einem 25. Dezember, an dem die grauschwarze Nachtdunkelheit die Stadt verschluckt, reicht diese Vorstellung nicht einmal aus, um zu wärmen. 

.... and learn how to hate Warsaw without even having seen it 


schon mal am Flughafen von Warsaw rumgerannt, am CHOPIN AIRPORT? Echt interessant und schweißtreibend, wenn man all seine wichtigen Dokumente, die man zur Weiterreise ins nächste Land benötigt, in einem lausigen Flieger von Lot Polish Airlines vergessen hat. Da ist man echt gut aufgestellt. Dann steht man trotz der eisigen Kälte (... ja, die ständige Erwähnung der Kälte nervt langsam, nicht wahr? Wir haben unsere "Interrail-Reise" wirklich durchdacht ausgewählt, ständiger Übermüdung durch Nachtzüge- und-flüge inklusive. Und was tut man noch, wenn man ständig übermüdet ist? Richtig, grundlos vor sich hin kichern aufgrund des steigenden Schlafmangels, dessen Effekt biologisch gesehen exakt mit steigendem Alkoholpegel übereinstimmt und wie in Trance und mit Tunnelblick Dinge vergessen) schweißgebadet vor einem der fragwürdigen Offices, die mit ihren Pappstühlen und abgenutzten Werbeplakaten ohnehin schon so... suspekt wirken. Dass man vom erstbesten herumstehenden Mitarbeiter mit einem eisigen Blick weggeschickt wird, weil man hier nicht an der richtigen Adresse sei ( ...ja, mit ihren Eisaugen stehen die Polen den Dänen und Schweden in Nichts nach). 

Nicht ganz bis Warsaw geschafft 

Dann bleibt einem nichts anderes übrig, als diesen bellenden OFFIZIEREN die hämische Freude zu erweisen, sich wie ein begossener Dackel (Pudel?) von dannen zu begeben. Man kann gar nicht anders als einen sehr schlimmen Heulkrampf zu bekommen, verheult kommt man am Gate an, wo einen die Freundin schon in Obhut streng dreinblickender (...) Stewardessen befindet. Man kann gar nicht anders, als auch die Freundin ein kleines bisschen zu hassen; dafür, dass sie einen so besorgt anschaut. Und kann gar keine Kapazitäten dafür verwenden, den Wunsch zu hegen, Warsaw als eigenständige Stadt unabhängig von ihren furchtbaren Fluganbindungen zu entdecken. Sich mal außerhalb des Flughafens zu begeben und sich wenig umzusehen in der Hauptstadt Polens, die hinter Krakow immer so zurückgestellt wird. Zu beurteilen, ob es zu Recht oder Unrecht geschieht, wäre notwendige Erfahrung, die man hier hätte machen können. Wäre schön, aber dafür sind uns die Polen heute zu unfreundlich. Der Meinung sind wir beide. Also, auf in den Flieger und Richtung nächste Destination. Vielleicht zur kleinen Schwester Krakow. Wieder ein Nachtflug. 

...and die of boredom in Evian-les-BainsWarum man auch in den noch so hübschesten Städtchen nicht sterben wollen würd


Es ist so schön, am glatte und flachen Ufer des Genfer Sees. 

Man hat so wenig zu tun hier. 
Man kann... 
durch die Straßen laufen und sich wundern 
über die Mischung aus alpenländischer Architektur mit putzigen, buntbemalten Fensterlädchen-Häusern und mediterranen edel-historischen Flachbauten und sich wundern, warum sie in den -ebenfalls eher mediterran angehauchten verwinkelten engen Gässchen- so dicht aneinandergedrängt stehen. Pure culture clash 
Dann kann man schwimmen und sich wundern, warum es so lange gedauert hat, überhaupt eine geeignete Bade-Stelle zu finden in diesem doch favorisierten Gebiet des weitläufigen Genfer Sees, für die man nicht 50 Schweizer Franken Eintritt exklusive Parkgebühr und ernährungstechnischer Versorgung zahlen muss. 

 Die Perle des Genfer Sees 

in keiner Beschreibung von Tripadvisor und sogar den verklebten Reiseführern von 1981 fehlt diese Bezeichnung für das kleine Dörfchen.  Dann kann man tief in sich gehen und genau überlegen, warum man hier eigentlich Urlaub machen wollte

sich unterhalten 

sich anschweigen 
dazwischen zur Hauptattraktion des Dorfes gehen: ein steinerner Bogengang noch aus der prunkvollen Epoche des Fin de Siécle, als die großbürgerliche Oberschicht und der Adel hier mit Fächer und Sonnenschirm ihre Sommerfrische gesucht haben. Innerhalb von 100 Jahren hat sich gar nicht so viel geändert, es ist immer noch ein pittoresker kleiner Ort, um Sommer auf dezente zurückhaltende Weise zu tanken. Das Klientel ist im Durchschnitt wohl immer noch bessergestellt, aber Èvian-Plastikflaschen haben sie alle in der Hand. Damit strömen sie schon morgens um 7 Uhr zu besagtem Bogengang, aus dem - hier kommt ja erst das Highlight- , steinerne Hähne ragen und aus denen wiederum können sich die Urlauber Liter an quellfrischem Wasser abfüllen. 
Man kann sich, in anderen Worten, also zwei Wochen lang  drei Mal am Tag exklusivstes Wasser in Èvian holen und dazwischen  am besten nichts konsumieren, weil die Preise am Genfersee jeglichen Rahmen sprengen. Zumindest wenn man nicht zu jenen gehört, die sowohl vor hundert Jahren als auch heute keinerlei Probleme hätten, sich vor der Sonne mit kostspieligen chinesischen Fächern und edlen unbefleckten Sonnenschirm zu schützen.