culturelush
suck the marrow of life

   dare to read texts longer than hashtags 

Daily Reflection: a grey cold dark boring desperate sunday. 


Was tut man denn, an solchen Tagen? Wenn man aus Gründen, die nicht bekannt sind – oder einem selbst vielleicht schon bekannt sind, hier aber nicht näher erläutert werden müssen – ,  weder nach draußen an die Luft geht noch sich unter Leute und geselliges Treiben mischt noch die Handarbeitspuppen auspackt und sich mit einer Tasse Tee zum Häkeln niederlässt? Wenn man sich zu all dem nicht aufraffen kann und nicht weiß, ob es sich lohnt, überhaupt aus dem Bett aufzustehen? Denn darin hat man sich nämlich verkrochen und nicht vor, sich in den nächsten Jahren wieder daraus emporzuheben. Dafür sind die Kissen zu weich, und wenigstens gibt ein Bett einem wenigstens irgendwie Halt in solchen Tagen. 

Was Sonntage nicht alles zu bieten haben 

Aber es sollte nicht das Einzige sein, was einen aufmuntert. Da draußen sind noch viel mehr Dinge, denen wir es kaum zutrauen würden, uns in solchen Tagen Halt zu geben. Die Strick-Puppe oder das Häkelset, ein Beispiel. Daran kann man alle Schlappheit und Lebensmüdigkeit, die einem dieser graue Sonntag auferlegt hat, abgeben. Überhaupt ist es eine gute Idee, die innere Verdrossenheit an die Finger abzugeben. Man kann vor sich hin häkeln, stricken, basteln, im schlimmsten Fall Makramee-Technicken anwenden.  Ich wage zu behaupten, dass es vielen Menschen, darunter auch meiner Wenigkeit, im Normalfall stark widersprechen würde, so etwas zu tun. Nicht erst seit, sondern schon vor dem ätzenden Handarbeits-Unterricht in der Grundschule wusste ich, dass ich nie zu einer Strickliesl heranreifen würde. Da muss ich noch sehr wenige Jahre an Lebenserfahrung auf dem Buckel gehabt haben, aber zumindest darüber war ich mir weitsichtig im Klaren. Trotzdem habe ich es ausprobiert, an ebenjenem Sonntag der grauen Öde und in den vier Wänden schon eingefurchter Verzweiflung. Ich habe gestrickt und gehäkelt, all jene Dinge getan, die mir sonst zu albern erscheinen. (Bis auf Makramee, das habe ich nicht über mich gebracht. Diese Art von Langeweile ist tödlicher als alle Verzweiflung, die man an Sonntagen haben kann. Sorry. 😐). Ich bin nach draußen gegangen, zu einer Uhrzeit, die mir sonst viel zu früh erscheint, um den Tag überhaupt schon Tag werden zu lassen. Ich bin spazieren gegangen und habe Wege genommen, die mir sonst zu weit ab erscheinen, um überhaupt in Erwägung zu ziehen, diese zu betreten. Ich habe all das mal ausprobiert, was man an einem Sonntag nicht tun würde, weil man sich zu schlecht dabei fühlt, seine Lage aber auch nicht dadurch verbessert, dass man sämtliche Handlungen, die ein lebendiges Wesen ausmachen, unterlässt und nur auf weiche Kissen setzt. 

Stichwort Verhaltensmuster

Ja, es ist schwer für uns Menschen, davon loszukommen. Rund einundzwanzig Tage braucht der Mensch, um sich eine ungewohnte Verhaltensweise überhaupt erst anzueignen; wie lange es dauert, um diese wirklich zu verinnerlichen und zu festigen, da käme dann schon eine Jahresrechnung ins Spiel. Man muss also dranbleiben, und einen langen Atem dafür zeigen, so viel steht fest. Der Anfang ist schwer; der erste graue Sonntag, an dem man sich mit zusammengebissenen Zähnen gegen die Kissen im Bett entscheidet, ist grauenhaft. Aber es wird besser, am zweiten Sonntag ist man schon ganz stolz darauf, wie weit man mit dem Häkelschal gekommen ist und überlegt sich sogar schon, in welcher Farbe man das neue Wollknäuel auswählt. Den Einkauf plant man dann für den nächsten Sonntag, Nummer 3, ein, um dann vor verschlossener Tür des Bastelgeschäfts zu stehen. Stimmt, das haben Bastelläden an Sonntage so an sich.  Nun ja, dann legt man es eben auf den nächsten Tag, denn auch hinter den anderen sechs Wochentagen verstecken sich hin und wieder gemeine graue Sonntage: An allen Wochentagen kann der Nur-mein-Lieblingskissen-und-sonst-keiner-Sonntagsblues auftreten, an allen Tagen kann einem das undurchdringliche Sonntagsgrau die Sicht vernebeln. Umso wichtiger, sich auch an diesen Tagen von seinen alten Verhaltensmustern zu befreien, und trotz des Nebels die Strickliesl zu ertasten, sich trotz des Nebels nach draußen zu wagen, sich trotz des Nebels im Leben selbst aufzurichten. 

Denn es kann nur besser werden. Ich bin mittlerweile bei Tag 19 angelangt, nur noch zwei Tage, dann bin ich Profi in neuen Verhaltensweisen. Mein Kuschelkissen thront aber nach wie vor auf einem Ehrenplatz in meinem Bett. 



                    Daily Reflection - Der kleine Sommerwahnsinn

                                        14.06.2020


Diese Tage, wenn man so glücklich ist, happy, dumm vor sich hin grinsend, weil man einen bestimmten Menschen getroffen hat. Es ist an dieser Stelle einfach mal egal, in welchem Zusammenhang, in welcher Situation, es soll unerwähnt bleiben, weil es nichts zur Sache tut. Es liegt einfach nur an dem einen Menschen, der einen für den Abend, für den Moment glücklich gemacht hat. Er kommt gerade recht, wenn man ohnehin gerade überlegt, sich von etwas anderem zu verabschieden. Er kommt gerade recht, wenn man intuitiv immer mehr und mehr spürt, dass man zu einem grundlegenden Lebenswandel kommen muss. So ein Mensch, der lässt das innere Streben der Veränderung nach außen hin Wirklichkeit werden,und die oftmals im trägen Gewässer treibenden Gedanken Wirklichkeit werden. Er lässt einen mitten am hellichten Tag das Leben aus vollen Zügen genießen (ich meine hallo, wie oft kommt das denn schon vor? Einfach so, ohne Doping oder einem Jumbo-Paket an Lindt-Schokolade mit dem gutmütig lächelnden Koch auf der Verpackung. Also dem mit dem Schokolöffel, an dem flüssige Schokolade herabfließt. Wenn man beides kombiniert – also Schoki und Doping - , dann bildet man sich irgendwann im Rausch allerdings ein, dass der Lindt-Koch ein echt gemeines Grinsen hat, ein bisschen so wie eine Hexe. Hm, ok, jeder hat andere Vorstellungen, wenn er bekifft ist. Und nicht jede ist unbedingt einleuchtend). Dieser Mensch (also nicht der Koch von Lindt) lässt einen abends am Schreibtisch dämlich lächelnd die Hände im Gesicht abstützen und mit Kuhaugen verträumt in die schwarze Nacht hinausblicken. An verwunschene Pfade im Wald denken, an menschenleere Strände, an denen die rauschenden Wellen des nachtschwarzen wilden Meeres schlagen. An verlassene Strandkörbe, an große Korbliegen, an denen seidene Tücher in der Abendluft wehen (so wie in den “Traumschiff”-Premien-Folgen am Silvesterabend, an denen immer ein ganz besonders luxuriöses Ziel angesteuert wird und sich dann immer zwei ganz besonders auffällige Singles, die auffälligerweise jeder für sich alleine eine auffallend teure Kreuzfahrt-Reise in die Dominikanische Republik antreten, in genau solchen seidenbehangenen Deluxe-Liegen an einem menschenverlassenen Strand nicht nur näherkommen, sondern gefühlt gleich das Ja-Wort geben). 

Midsummer Folly

Ja, das sind die Tage mit ihren Nächten, die getreu Shakespeare’s “Midsummer Night’s Dream” immer ein wenig verrückter ausfallen als der Rest aller Tage im gesamten Jahr. Die so kurz vor der Sommersonnenwende stattfinden und den Kopf in Verrücktheit verdrehen lassen. In Verrücktheit, “Folly”, der “Torheit”, “fondness“, der “Betörung”, schließlich “Dotage“, der “Vernarrtheit” und schließlich “idleness”, dem “Wahn”.  Denn so in etwa lassen sich die verschiedenen Stadien der Mittsommer-Gefühle klassifizieren; wie immer hat der liebe Shakespeare genau richtig erkannt, wie der Hase läuft. Wie es dazu kommen kann, dass man in lauen Sommernächten wegen einer Person so lächelt und einfach nicht mehr aufhören kann. Dann wacht man auf. Und weiß nicht mehr, ob dieser Mensch ein Traum war.  Oder man vom Kobold Puck etwas in die Augen geträufelt hat bekommen. 

                 


                                               Daily Reflection  - pure truth 

In den letzten Wochen war es doch interessant gewesen, sich im ständig ungewissen Warte-und Innehaltmodus einer Jahrtausend-Pandemie zu befinden. Dieser Schleier der Ungewissheit, der hatte so samtig-intensiv die ganze Welt verhüllt und passiv werden lassen. Gezwungenermaßen zu passiven Spielern gemacht, die in die Zuschauer-Zaungast-Rolle verdrängt worden waren. 


                                               Daily Reflection - A Bit Of Irony  

                                                                                           21.05.2020



Animum debes mutare, non caelum ("Du musst Deine Einstellung ändern, nicht den Ort", Seneca: Epistulae morales - Epistula 28). 

Mein Lieblingsphilosoph, der strenge römische Stoiker, verblüfft mich jedes Mal aufs Neue. Und dabei sind es keine philosophischen Abgehobenheiten im Elfenbeinturm, es sind absolute Einfachheiten, es ist die Simplizität seiner Aussagen, die uns zu denken geben muss. Es ist so einfach, glücklich und stoisch unbewegt von den Einflüssen der Welt um uns herum zu bleiben. Das ist es, was uns zu denken geben muss. Ein Fels in der Brandung all jener Nervositäten,  Irrungen und Wirrungen und bodenloser Bestrebungen zu bleiben, sich nicht vom einen ins andere Extrem peitschen zu lassen, sondern nach Seelenruhe zu streben. Wenn man überhaupt irgendetwas anstreben sollte im Leben, dann wäre es maximal, andere und vor allem sich selbst in Frieden zu lassen.  

Was auch immer Du tust, Du tust es gegen Dich. Durch diese Unruhe selbst schadest Du Dir, denn Du lässt einem Kranken keine Ruhe. 

Noch mal der Kollege Seneca. Er war übrigens auch davon überzeugt, dass man die Bestimmung von Nacht und Tag nicht vertauschen sollte und es eine wahrhaftig dumme Unart des Menschen sei, "den Tag abzulehnen und das ganze Leben in die Nacht zu verlegen" (Briefe an Lucilius). Ich verfasse am liebsten nachts Einträge wie solche - ob für irgendjemanden sinnvoll oder inspirierend, sei dahingestellt - und trinke dazu gerne Kaffee mit Hafermilch. (Ob diese Information sinnvoll oder inspirierend war, sei ebenfalls dahingestellt. Ich hoffe doch, denn Hafermilch ist echt lecker. Ich kann gar nicht mehr ohne. Viel besser als Mandelmilch oder Gott bewahre, Sojamilch). Mein eigener Lieblingsphilosoph würde mich aus seinem erlesenen Fan-Zirkel verstoßen, da ich seiner Meinung nach wohl unter jene Kategorie falle, die sich zum Ziel ihres "perversen Luxuslebens" gesetzt haben, "Freude zu haben an der Abnormität und nicht nur vom Normalen abzuweichen, sondern sich möglichst weit davon abzusetzen (...)" (Briefe an Lucilius, noch mal. Der arme Kerl). 

Empfehlung läuft: Seneca

Wer sich ebenfalls davon angesprochen fühlt, ist eine Lektüre des strengen Weisen mit mahnendem Zeigefinger zu empfehlen (nicht länger als zwei Minuten für den Anfang, sonst bekommt man sich selbst gegenüber ein zu schlechtes Gewissen, weil das meiste auf so bittere Weise stimmt und man auf so bittere Weise feststellen wird, sein gesamtes Leben dagegen verstoßen zu haben). Wer meint, bislang alles richtig gemacht zu haben, besonders, was die Struktur seines Tages angeht  - der kann weiterhin seinem Carpe diem, quiesce noctem-Motto folgen. Und sich mit seinen Kumpanen zum Seneca-Fan-Treffen verabreden. Die Biergärten haben ja wieder auf.  

                                                                       

                     Daily Reflection – ein bisschen viel Lethargie

                                             20.05.2020 

                                       Unter unserer eigenen Last begraben. Selber schuld 

Eine entsetzliche Müdigkeit hat sich bereitgemacht, in mir und in der ganzen Welt. Man ist schlapp und matt und weiß gar nicht so genau warum. Denkt man. Man fühlt sich wie ausgespuckt und auf dem Boden liegend, die Arme und Beine von sich ausgestreckt  - wie eine Jesus-Figur, die jemand umgedreht und hingeschmissen hat. Ja, wie ein zerschmettertes Kruzifix. Guter Vergleich. Wir alle wollten doch immer Jesus sein, dachten doch immer,dass unser Glück und vor allem unser Erfolg auf unserem eigenen Können beruht. Wir haben uns zu lange angemaßt, unseres eigenen Glückes Schmied zu sein und  - was noch viel schlimmer ist - uns für die ganze Welt gleich mitverantwortlich zu fühlen. Wir dachten immer, dass das Wohlergehen der Welt von unserem Tun und vor allem unserem Können abhängt. 

Dass die Welt ganz gut ohne klarkommt  - und was noch viel schlimmer ist -, ohne Probleme auf uns verzichten könnte, wird uns auf schauderhafte Weise nun tagtäglich bewusst. Den Zahlen ist es egal, ob wir dieses Jahr eigentlich geplant hatten, das zu tun, womit wir ohnehin pausenlos beschäftigt sind -uns selbst zu verwirklichen.  Den Zahlen ist es egal, ob unsere ach so wichtige Work-Life-Balance aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Den ansteigenden Zahlen ist es egal, ob wir uns immer kleiner fühlen, weil wir endlich merken, dass wir bei weitem nicht über messianische Kräfte verfügen. Die Zahlen steigen munter an, und wir liegen verdattert auf dem Boden  - ohne Aussicht darauf, in nächster Zeit wieder aufzustehen. 


Brief an den Allmächtigen (?)

 19.05.

Lieber Gott,
Lass mich einfach nur ein besserer Mensch werden, nichts weiter. Lass mich die frische mailuft einatmen, meine Lebenszeit genießen. Die Zeit auf Erden nutzen, um gut zu essen, zu lesen, mit meinem Bruder Tränen über bescheuerte Video- Hypes zu lachen, meiner besten Freundin Nachrichten zu schicken und ihr zu sagen, dass ich sie lieb habe und wie stolz ich auf sie bin. Meiner Mum endlich mal wieder bewusst einen Kuss auf die Wange zu geben, bis spät in die Nacht 2000er Hits zu hören - einfach so. (TOXIC). Mir zu erlauben, auch mal nicht am Zoom-Conference-Meeting mit Uni-Freunden teilzunehmen, sich mal aus dem Online-Trubel zu ziehen. Anstatt sich durch 10 gläserne Bildschirme aus der virtuellen Ferne zuzuwinken, lieber Thomas Mann oder Rilke zu lesen ( nicht aber Albert Camus, nicht " Die Pest"), so wie es jeder gerade tut.
Lieber Gott, erlaube mir, dass ich mir selber erlaube, mal "passive" Dinge zu tun - Waldbaden, einfach im Gras liegen und in dunkle Tannengeflechte starren. In jenen vermeintlich passiven Dingen versteckt sich eine ungeheure Form an Aktivität, die unserem gesamten Körper und Geist wohl tut.
Lieber Gott, lasse mich solche und noch mehr Weisheiten, Erleuchtungen erkennen. Darüber, wie einfach das Leben ist, und wie schön.
Mit der Einfachheit kommt erst die Reife. 
Lieber Gott, lass mich jeden Tag die Chance zu mehr Reife und Wachstum ergreifen .... und zu einem besseren Menschen werden.



Daily Reflection – in a SELFIEsh mood

23.03.2020


Ein innerer Drang zieht mich nach dem Heimkommen nicht erst mal ins Wohnzimmer aufs chillige Sofa, geschweige denn ins Bad, um die Hände zu waschen. Nein, ich renne sofort nach oben, um vor meinem Zimmerspiegel ein Foto zu machen. Genauso fügsam und brav, wie ich jenem inneren Drang folge, auf öffentlichen Toiletten immer wesentlich länger als notwendig zu verweilen, um in verschiedenen Posen vor dem Spiegel meine Tagesoutfits abzuspeichern und in Paralleluniversen aus Snaps, Stories und Screenshots zu teilen. Ebenso kann ich besagtem Drang nicht widerstehen, wenn ich zusammen mit Freuden rauschenden Feten oder sonstigen Ereignissen beiwohne, deren Hintergrund entweder glamourös oder grell hervorsticht und deswegen einer Digital-Protokollierung würdig ist.

Tja, so sehr sind wir bereits verankert in dieser SSS-Welt - Snaps, Stories, Screenshots -, dass wir gar nicht mehr davon loslassen können. Die Hand können wir nicht mehr lassen von diesem wundersamen rechteckigen Ding mit der immer glatter und großzüger werdenden Oberfläche. Die Augen können wir nicht mehr abheften von einem schillernden Display mit süchtig machender Blau-Licht-Komponente und tanzenden „Candy Crush“-Farbkügelchen.                                                                          

Vor allem aber beschäftigen wir uns seitdem mit einem erstaunlich bekannten und doch so fremd wirkenden Bild: Dem Bild von uns selbst. In Porträtform, spiegelverkehrt, im Close-Up und verschwommen von hinten. Unser eigenes Gesicht wird auf unseren Smartphone-Bildschirmen angezeigt, ermöglicht eine neue Selbstwahrnehmung aus veränderter Perspektive und erleichtert eine Selbstverbesserung auf gänzlich neuer Ebene. Wir lernen uns auf einmal mit ganz anderen Augen kennen und erlernen scheinbar eine neue Art, uns zu lieben. Wir wollen uns nun auf möglichst jedem Bild wiederfinden, unser Gesicht soll so oft es geht, präsent sein. Unser ganzes Gesicht lernen wir, neu zu lieben. Einfach toll, wenn es so zu sehen ist auf Bildern. Aber der Weg dahin ist anstrengend. Den Kopf mal so, mal so legen. Schief zur Seite, dann wieder im Profil, es gibt tausende Möglichkeiten.

Die Sehnsucht nach Privatsphäre

Aber da ist auch ein anderer innerer Drang. Einer, der mich eigentlich davon abhalten will, das Bild nun online zu stellen, um der weltweiten Instagram-Community damit einen Gefallen zu tun. Mein Unwohlsein meldet sich und fragt verzweifelt und verständnislos, warum mein Gesicht als Präsentationsfläche herhalten muss, die auf sämtliche Social-Media-Kanäle projiziert werden muss. Doch ich widerstehe ihm nicht. Keine Begründung warum, ich weiß es einfach nicht. Ich versuche nur, mein Unbehagen auf dem Bild nicht zu zeigen. Das muss ja keiner mitbekommen.  



SHORT STORY

Einladung zum Leben – angenommen

23.03.2020

Überdosis Glück von Rosenstolz dudelte gerade aus dem Radio, während ich bewegungslos im Flur herumstand und wartete. Im großen Sinne natürlich auf eine solche Überdosis Glück, die ich in der Zukunft, im neuen ungewissen Abschnitt meines Lebens endlich wieder suchen wollte. Davor, jetzt im Moment, wartete ich aber irgendwie noch darauf, dass jemand von außen sturmklingelnd vor der Tür stand und mich davon abhielt, das bereits begonnene zu beenden. Sinnloserweise, denn demjenigen Leidgeplagten würde ich dann ohnehin meine Hand auf die Schulter legen und verständnisvoll seinem besorgten Wortschwall zuhören, mit dem er versuchte, mich in letzter Sekunde von einem derart unsinnigen Vorhaben abzuhalten. Um dann gleich meine Hand wieder wegzunehmen, ein paar letzte dramatisch –philosophische Phrasen über neue Horizonte zu hauchen, -die könne man eben nicht aus dem heimischen Küchenfenster erblicken- und anschließend genau diese Handlung zu begehen, der dank berüchtigten Romanen und Filmen der Ruf des Unüberlegten, Ruchlosen, anhaftete. Einfach von heute auf morgen abzuhauen und nicht wiederzukommen.  

Held auf dem Vormarsch 

Auf so symbolhafte und klischeegetränkte Weise, dass es mir fast schon wie ein Witz vorkam, riss ein Windstoß das Fenster auf, wirbelte sämtliche Papiere auf dem Tisch durcheinander und schien auch mich mit nach draußen ziehen zu wollen. Na schön, also deutlicher ging es ja wohl nicht mehr. Die endgültige Erlaubnis hatte ich hiermit von einer externen Naturkraft oder so erhalten –vielen Dank an Was-auch-immer; ich hatte Pantheismus schon immer interessant gefunden. Hiermit war für mich der letzte Anlass gegeben, nicht mehr auf die pragmatische Person X zu warten. Nein, mein altes Leben, meine alte Form musste abgeschüttelt werden, es war unvermeidbar. Lange hatte es sich in mir angebahnt und jetzt, endlich, war an der Zeit, energisch meinen Schlüssel - und die Banane, ganz wichtig- vom Tisch zu nehmen. Den heroischen Schritt nach vorne über die Türschwelle zu wagen. Davor überprüfte ich jedoch ein fünfunddreißigstes Mal Herd und Ofen. Da konnte mein emotionaler Umschwung ach so rebellisch und abtrünnig sein – hartnäckige Angewohnheiten legt man vor allem dann nicht ab, wenn sie besonders spießig sind.  

So, jetzt aber stand mir als großer Heldin nichts mehr im Weg. Ohne einen Blick zurück. fast schon hochmütig schritt ich die Straße weiter voran. Rosenstolz tönte immer noch aus dem Radio, ich hatte es nicht abgestellt.  

Die Last des Lebens befällt jeden

In der U-Bahn, dort werde ich erneut daran erinnert, warum ich diesen Ausbruch bitter nötig habe. Man lässt sich in Ruhe, jeder geschützt durch einen Kokon aus Großstadtdistanz und Gleichgültigkeit. Sie haben denselben unbewegten emotionslosen Gesichtsausdruck, die Menschen hier in der U-Bahn, obwohl sie alle, vereint in einem langen Wagon, ein Stück ihrer einzelnen Wege gemeinsam verbringen.                                                                       Alte, abgearbeitete Frauen mit vollgestopften Einkaufstaschen zu ihren Füßen, aus denen Lebensmitteldosen an der Seite schon herausquellen. Junge, vielleicht auch bald abgearbeitete Frauen in Kostümen, die mit leerem Blick ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe anstarren. Ihr neues Selbst, das sie für das neue Leben in der Großstadt haben anlegen müssen. Hochgesteckte Haare, schlanke übereinandergeschlagene Beine in roten High Heels mit geschmackvoll aufeinander abgestimmten Designerkostümen. Sie zögen auf jeder Party ungeteilt alle Blicke auf sich, leben aber vermutlich nur für ihren Beruf, ihre Position in einem innovativen Start-Up oder einer expandierenden company. Mit Chefs, die genau wissen, dass sie den Fleiß der jungen Neuzugänge, die dank einer exzellenten Ausbildung an exzellenten Hochschulen ein Fang für ihre Firma sind, scheinbar bis ins Unendliche ausreizen können. Gnädigerweise werden sich erst in einigen Jahren die Folgen bemerkbar machen: Dann nämlich haben sich diese einst hübschen jungen Frauen im tiefsten Burnout verfangen und halten den durchschnittlichen Anteil von 50% der Bevölkerungen westlicher Industrienationen, die an psychischen Erkrankungen leiden, weiterhin konstant. Werden aber wohl eher in einer Privatklinik verweilen, bis das Schlimmste vorüber ist, anstatt sich mit herausquellenden Supermarkt-Tüten in die U-Bahn zu begeben. Ja, das Leben ist hart –vor allem das Großstadtleben, machen wir uns nichts vor -, und zu irgendeinem Zeitpunkt bricht jeder Mensch unter dieser Last einmal zusammen und muss das Menschsein für einige Zeit aufgeben. Das eigentlich in seinem tiefsten Inneren angelegte Streben nach Freude muss er niederlegen, die Suche nach Glück aufgeben. Denn zeitweise macht das Leben jeden verrückt. So verrückt, dass man dann die erlesene Auswahl hat, entweder schreiend draußen herumzulaufen, sich jeden Abend in den Schlaf zu weinen, dreimal die Woche zu einem Psychologen zu rennen oder, im Endstadium der Krise, einfach alle Gefühle abzustellen und der Leere im Inneren, die sich eigentlich schon ganz lange angebahnt hat, endlich die verbindliche Einladung zu erteilen. All diese Phasen hatte auch ich von vorne bis hinten durchlaufen und mich damals schleichend zu einem Wrack verkommen lassen. Ohne Emotion, ohne Appetit, ohne neo-liberale Self-Care-Habits, die nach Strawberry-Cream duften sollen. Man weiß nicht, warum diese Dämonen einfach so vor der Tür stehen, erwartungsvoll, sich behaglich einnisten wollend. Bis man sie wieder verscheuchen kann, ja, bis man überhaupt versteht, dass man sie um jeden Preis zu verscheuchen hat, können quälende Monate vergehen. Jahre, bis man irgendwann an den Punkt der Erkenntnis kommt, dass es diese kichernden gemeinen Dämonen genauso wenig wert sind wie Laura-Isabel von damals, von der man als einzige nicht zum Geburtstag eingeladen wurde. Ich meine, dass erst, wenn man einmal ganz unten am Tiefpunkt angekommen ist – man weinend in seinem Kinderzimmer sitzt, während Gekichere von der supercoolen Gartenparty nach drüben dröhnt -, erst dann die wertvollen Seiten des Lebens erkannt werden können. Dass es auch cool sein kann, mit Nerd-Paul von gegenüber an der Playstation zu zocken.  

Die entscheidende Begegnung 

Beim Anblick des jungen Mannes, der sich auf dem Platz neben mir im Abteil niederließ, trat mir die erste, alles verändernde Begegnung wieder vor Augen. (Nicht die mit Paul, als ich zehn war und mich entschieden hatte, mir von nun an neue Freunde zu suchen.) Mein Gegenüber lächelte mit blitzenden Zähnen, ein spitzbübischer Anflug, der die Züge seiner gerade erst hinter ihm gelassenen Kindheit zum Vorschein kommen ließ. So hatte Jim auch gelächelt. Er stand damals hinter dem Bar-Tresen und schenkte eifrig Aperitifs und Cocktails in geschliffene Gläser, während ich mich über ein selbiges in einer versteckten Nische des Restaurants beugte. Damals hatte ich irgendwohin vor dem strömenden Regen flüchten müssen. Vollkommen durchnässt und unansehnlich war ich eingetreten, hatte wahllos ein Getränk bestellt und möglichst vermeiden wollen, irgendjemanden anzuschauen oder mir ein Gespräch aufhalsen zu lassen, bloß nicht. Nicht gerade von Erfolg gekrönt, denn immer wieder hatte Jim sich mir zugewandt, mir zugeblinzelt und gleichzeitig geschickt eine teure Weinflasche nach der anderen entkorkt. (Was die nachgewiesene eingeschränkte Multi-Tasking-Fähigkeit bei Männern angeht, sind Barkeeper bekanntermaßen eine Ausnahme. Müssen sie ja auch sein). Über die Restauranttische hinweg hatte er mich angeschaut, immer wieder; ich vermute heute manchmal, dass er einfach nur neugierig gewesen war, wer sich da hinten so patschnass und struppig wie ein Hund verkroch. Dann der fehlende Schritt auf mich zu, selbst schuld. Gezwungenermaßen musste ich mich ihm zuwenden, musste mich schließlich darauf einstellen, dass er nach der Rechnung oder so verlangte.Was danach passierte? Nun…der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, oder? Klar ist nur, dass er nicht einfach stupide nach der Rechnung gefragt hatte – und ich das Restaurant um ein hausgemachtes Mango-Holunder-Avocado-Wasser betrogen hatte. Egal, vielleicht würde ja Laura-Isabel dafür aufkommen. Alles, was man dem anderen antut, kommt schließlich irgendwann selbst zu einem zurück. Mantra und so. Zugegebenermaßen ist mir alles, was mit Mantra und diversen Leben danach zu tun hat, nicht geheuer. (Wer will schon als Kuh wiedergeboren werden? Und wenn es ganz blöd läuft, endet man im 7. Leben nur noch als niederer Grashalm). Allerdings hege ich die Hoffnung, dass es als Pluspunkt angerechnet wird, wenn man vermeintlich unwichtigen Begegnungen im Leben wenigstens einmal seine Aufmerksamkeit schenkt. Flüchtigkeitsbegegnungen, die einen auf der Durchreise, im schnellen Strom des Lebens streifen. Denn ich habe es getan, mich einmal darauf eingelassen und gemerkt, wie sehr ich etwas von mir selber wiedergefunden habe, auf das wahrscheinlich keiner mehr zu hoffen gewagt hatte. Wo Psychologen, Ärzte, Heilpraktiker, Life-Coaches sich seit Jahren an mir abmühten, hatte Jim unwissend eine Meisterleistung vollbracht: Mich den Entschluss fassen zu lassen, den Dämonen kein Gehör mehr zu verschaffen. (Wie damals bei den Zicken aus der 4A, nur dass meine Dämonen später noch ein bisschen…  nun ja, schwieriger bekämpfbar wurden). Sogar Appetit hatte ich wieder bekommen, und zwar auf meinen eigenen Kuchen, viel leckerer als eine blöde rosafarbene Prinzessinnen-Torte.  

Zeit für die Überdosis

Dem jungen Mann gegenüber mit Kindergesicht – doch ein bisschen wie Paul - lächelte ich zum Abschied zu. Ich lernte gerade wieder zu lächeln. Ich lernte, was es bedeutete, am Leben zu sein, welch wahnsinnige Chance man verpassen würde, wäre man es nicht. Jetzt musste ich nur noch das nächste Ziel meiner angebrochenen Reise erreichen; wie eine angebrochene Tafel Schokolade, die mir bereits einen Vorgeschmack gegeben hatte (Wie bereits erwähnt, mein Appetit war wieder da). Vielleicht, hoffentlich den Menschen wieder treffen, der mich so verändert hatte. Dann konnte ich mein Wunder tatsächlich erleben und mir endlich wieder eine wahre Überdosis Glück versetzen. 




ESSAY

Traut Euch, Freiheit zu lernen! 

                                                                      23.03.2020

Warum immer das volle Uniprogramm an den gerade erst bestandenen Schulabschluss reihen? Indem sinnlose Angst geschürt wird, später angeblich kein Leben in gehobener Position führen zu können, wenn man sich nach dem Abi erst einmal Pause auf unbestimmte Zeit gönnt, erhöht sich immer mehr der gesellschaftliche Druck auf Schüler für einen akademischen Bildungsweg. Dabei ist das erste Austesten der Freiheit keine Entweder-oder-Entscheidung. Sagen auch Goethe und Schiller und erachten das richtige Maß und den Ausgleich zwischen Pflicht und Neigung als essenziell. Schüler des 21. Jahrhunderts müssen also kein schlechtes Gewissen oder Angst vor der Zukunft haben, wenn sie die Freiheit im Gap-oder-Couch-Year erst einmal austesten.

Warum die Freiheit nicht gleich erkennen? 

Diese eigentliche Freiheit, das Privileg, sich nach dem Schulabschluss an einer wissenschaftlichen Fakultät weiterbilden zu dürfen, trägt mittlerweile nur noch den strengen Geruch und das seriöse Kostüm einer unumgehbaren Pflicht: Auf Abiturmessen, im Büro der städtischen Berufsberatung, auf Schnuppertagen für Halbwüchsige an mittlerweile jeder Universität, wird der Anschein erweckt, als sei das Studium ein heiliger Gral, ohne dessen anbetungswürdige Anwesenheit in der Vita ein Leben in Wohlstand und Zufriedenheit kaum mehr möglich sei. Wenn überhaupt, dann schon seeehr knapp am Existenzminimum. Gedanken, bei denen zartgebaute blonde Psychologiestudentinnen das herzförmige Gesicht verziehen, ihre männlichen, Mokassins-und-Marlene-Hose-Tragenden BWL-Kommilitonen ungläubig auflachen und beide zusammen –beruhend auf einem festen Fundament akademischer Selbstsicherheit - mitleidig den Kopf über den ganzen kläglichen Rest schütteln. Über all diejenigen, die es wagen, bereits die Idee einer Auszeit nach dem Schulabschluss in den Raum zu werfen und dann auch noch mit leisen Tönen des Zweifels die Relevanz eines Studiums im Leben gänzlich infrage stellen. Deren Weg straight aufs untere Ende der sozialen Schichten scheint vorprogrammiert zu sein. Und es ist ganz allein ihre eigene Schuld, wenn sie nicht an die Uni gehen wollen. Doch können solche armseligen Kreaturen im tatsächlich eintretenden Falle eines Lebens am unteren Ende der Gesellschaft nicht wenigstens behaupten, sich freiwillig dafür entschieden zu haben?

Auch die Jungen trauen sich nicht 
Denn gerade in der Zeit nach dem Abitur wird doch die größte Freiheit der Welt ermöglicht: Uns steht jegliche Freiheit zu, alles nach unserem Willen zu gestalten, de facto zwingt uns keiner zu irgendwas – auch nicht zum elitären Heidelberg-Studium. Zwar mag es immer noch erschreckend viele Eltern geben, die ihre Sprösslinge gerne in zukünftige Arztkittel oder in den Vorstand der eigenen Firma stecken wollen und deswegen die Notwendigkeit eines Jura- und VWL-Studiums überhaupt nicht mehr zur Diskussion zulassen. Doch natürlich geht immer nur, wer sich zum Gehen zwingen lässt – oder vielmehr zum Hinterherhecheln jener unerreichten Träume der Vorgänger, die selber nie richtig gelernt haben, wie man Freiheit nutzt.
Scheinbar ist sich auch die Jugend der Gegenwart nicht bewusst, dass sich nach ihrem Schulabschluss für sie die einmalige Chance in ihrem Leben bietet, derartigen Zwängen auf unbestimmte Zeit zu entfliehen und ihr Leben einmal nicht nach einem durchgetakteten Stundenplan zu richten. Die einmalige Chance darauf, bisher beschränkte Horizonte zu durchbrechen. Letzte Chance, ausreichend Mut zu sammeln, um den sich ihnen eröffnenden Spielraum anerkennen und nutzen zu können.
Stattdessen stürzt sich der Großteil von Prüfungsstress A in Prüfungsstress B, indem er wie ferngesteuert an die nächste Universität rennt, vorab bereits Module und Masterabschluss plant und auf einen Zeitraum voll Planlosigkeit und Ungewissheit vehement abwehrend reagiert – aus Angst, deswegen in das Konkurrenzgemetzel auf dem Arbeitsmarkt zu spät einzusteigen. Dabei geht es gar nicht darum, sich Freiheit bis zum Exzess für den Rest des Lebens vorzunehmen und nur noch in Muße und Mühelosigkeit zu leben. Mitnichten ist davon die Rede, die komplette restliche Lebenszeit losgelöst von allen Konventionen in wilder Abtrünnigkeit zu verbringen. Wer aber ein Gespür für jene unbekannten Ufer am reißenden Fluss des Lebens entwickelt, deren Entdeckung der eigenen Freiheit unterliegt, wird umso besser für ihr Gegenstück gewappnet sein – die Pflichten und Notwendigkeiten und Zwänge des Alltags, die früh genug auf ihn einprasseln werden. Die einzige und einzigartige Möglichkeit dafür bietet der Zeitraum zwischen Schulabschluss und Arbeits-oder Weiterbildungsweg, die Schwelle zwischen vorgegebenen Strukturen in der Welt eines Minderjährigen und dem selbstverantwortlich geführten Leben eines Erwachsenen: Nirgends sonst im Leben kann man sich so intensiv mit der Freiheit als dem wohl obersten menschlichen Gut befassen, dem zum Zwecke der vollen Entfaltung allerdings auch Grenzen gesetzt werden müssen.

Der Scheideweg zwischen Freiheit und Pflicht 
Zugegebenermaßen ist es einer der härtesten Knackpunkte im Leben eines (jungen) Menschen, den für ihn passenden Ausgleich zwischen den Gegensätzen zu finden. Nicht umsonst wurden derartige Überlegungen zum richtigen Verhältnis zwischen „Pflicht und Neigung“ bereits vor zweihundert Jahren in der literarischen Strömung der Weimarer Klassik angestellt. Unter einschneidendem Einfluss brillanter schriftstellerischer Persönlichkeiten wie Herder, Goethe, Wieland und Schiller, haben diese und ähnliche Denkansätze auch für das 21. Jahrhundert nichts an ihrer Gültigkeit und Zeitlosigkeit verloren. Wofür Möchtegern-Life-Coaches in etlichen Ausführungen Ratgeberbände für den perfekten Work-Flow aufwenden, ein Work-Life-Philosophy-Konzept nach dem anderen hervorzaubern und die Digital-Natives-Generation verzweifelt wieder auf einen grünen Zweig zu bringen versuchen, reicht schon ein einziger Satz des Goethe‘schen Gedankenguts aus: „ Das Gesetz nur kann uns Freiheit geben“ könnte sich als Leitmotto für die armen Digital Natives in aufgepeppter Form zum absoluten Verkaufsschlager entwickeln. Einzige Bedingung: Freiheit tatsächlich am eigenen Leibe erfahren.
Denn was Umsetzung auf praktischer Ebene angeht, besteht ganz offensichtlich gewaltiger Nachholbedarf in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Oder womit lassen sich sonst die Horden all jener unglücklichen Mitt-Dreißiger erklären, die nach dem Abitur wie ferngesteuert die Universitäten und weiterbildenden Einrichtungen gestürmt haben und nun, mitten im Leben, mit 5-köpfiger-Familie und 16-Stunden-Arbeitstag gleichzeitig dealen müssen, ohne einmal etwas komplett anderes erlebt zu haben? Resigniert –wenn auch auf hohem Niveau - scheinen sich die gut betuchten Akademiker-Schichten zurückgezogen zu haben in der Annahme, dass das Leben außer Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt nichts mehr für sie bereitzuhalten scheint.
Aber dieses Leben, dem sie mit voller Breitseite eine solche Absage erteilt haben, besteht doch aus so viel mehr als akademischem Firlefanz, Work-Life-Balance und Consulting-Management. Bietet doch eine so große Fülle an Optionen abgesehen von einengenden Campus-Blasen, wenn man es denn nur zulässt. Würde ihnen vielleicht den Blick auf ihren persönlichen Sinn eröffnen, auf dessen Suche sich 90% erfahrungsgemäß sonst eben erst begeben, wenn es zu spät ist und in der schlimmsten Midlife-Burnout-Krise alle Stricke reißen. 

Freiheit bedarf Übung – aber es ist wert, sie zu lernen 

Deswegen müssen wir Freiheit dringend früh genug lernen. Wir müssen lernen, frei zu sein vom Richthammer einer Gesellschaft, die angeblich durch pluralistische Meinungsbildung und Entscheidungsfreiheit geprägt ist, hinter vorgehaltener Hand ihre jungen Mitglieder jedoch in Studiengänge zwingt und darunter all diejenigen verurteilt, die die Hetzjagd über den akademischen Weg nicht als das Nonplusultra für ihre Zukunft betrachten. Frei müssen wir sein von der überholten Vorstellung, dass man trotz Pause auf unbestimmte Zeit später nicht trotzdem zu hohem Lebens-und Bildungsstand gelangen könne. Und frei müssen wir uns machen von der Angst, dass unser Boot automatisch kentert und am unteren Rand der Gesellschaft liegenbleibt, wenn wir nicht immer oberste Kontrolle über unser Ruder haben und uns einfach mal ganz entschleunigt dem Dahinfließen des Lebensflusses anvertrauen.
Die Fähigkeit, das richtige Maß dieser Freiheit zu finden, ist nicht nur den werten Herren Schiller und Goethe vorbehalten. Jeder von uns ist in Lage, seine eigene Mixtur aus den Zutaten Pflicht und Neigung herzustellen. Und damit den Sinn der Freiheit, die durch Gesetz beschränkt werden muss, verstehen zu lernen.
Nicht selten sind es komischerweise die Studienabbrecher oder Gar-nicht-Studierenden, die den Summa-cum-laude-Psychologie-Studenten dabei eine kleine Nasenlänge voraus sind.  


                                                                                               KOMMENTAR

         Wie meine Schulzeit ausgesehen hätte, wenn ich mich an alle guten Ratschläge gehalten hätte


Man lernt besser frühzeitig, auf sich selbst zu hören, anstatt zu viel auf andere. Zwar mag dann nicht alles perfekt verlaufen, aber hey, bleibt am Ende unterm Strich so nicht viel mehr übrig?

Bangend blicken meine Eltern mich am Freitagmittag an, als ich von der Schule heimkomme. Denn folge ich ihrem nun ausgesprochenen Ratschlag, beschert ihnen das einen stressfreien Abend. Oder aber es wird für den Rest des Wochenendes eine unerträgliche Lamentei dahingehend nach sich ziehen, warum ich denn einfach nicht auf sie hören könne. Es geht darum, ob ich heute Abend fortgehe. In den meisten Fällen ist damit ein etwas abgeranzter Club gemeint, der im entlegensten Kaff des Landkreises liegt. Und genau darin liegt der springende Punkt: Meine Eltern verspüren weder Lust, mich gegen 23 Uhr hinzufahren („Ihr spinnt wohl, was geht Ihr denn erst so spät feiern?! Früher standen wir alle spätestens um acht auf der Tanzfläche!“) noch mich um einiges später wieder abholen zu müssen („VIER Uhr? Ihr habt echt einen Schlag“). Mich aber mit meinen Freunden hinfahren zu lassen oder mir einfach Geld für den verlässlichen Partybus zu nehmen, passt ihnen auch nicht: „ Mit wem fährst Du dann hin? Wenn dieser Typ ein Raser ist – nein, am Ende passiert noch was. Und weiß Gott, wer sich abends am Bussteig alles herumtreibt… Unser Ratschlag: Mach Dir doch daheim einen gemütlichen Abend, Du solltest nicht ständig irgendwohin rennen“.  

Was kommt nun? Man kann es sich denken. Schon als noch zartbesaitete 16-jährige scherten mich Ratschläge wie diese herzlich wenig. Es war nicht so, als ob ich vollkommen ignorant gegenüber meinen Eltern und sämtlichen anderen Autoritätspersonen gewesen wäre. In der Tat setzte ich mich gedanklich sogar mit deren Ratschlägen auseinander, kam jedoch meistens zum Entschluss, ihnen besser nicht allzu viel Gehör zu verschaffen.  

Hätte, hätte (nicht)...

Denn gesetzt den Fall, ich hätte mir Freitag stets einen wahnsinnig erheiternden Abend zuhause gemacht – nun gut, ich hätte das Nervenkostüm meiner Eltern wohl mit jenem entsprechenden Respekt behandelt, den man sich von einer Schülerin in meinem Alter erhofft. In einem Alter, das  Erziehungsberechtigte noch an ein bis drei Abenden pro Woche in ständiger Sorge um ein potentiell am Busbahnhof entführtes Kind fast länger aufbleiben lässt als der Schützling selbst es tut. Allerdings  hätte ich nie unmittelbare Kübel-Partys während der eigentlichen Party miterlebt, in denen sich so einige der verehrten Mitschüler im wahrsten Sinne des Wortes über hässliche Lounge-Garnituren im Club auskotzten.Hätte auch nie meinen ersten Freund kennengelernt und meinen ersten Mojito; und hätte ergo auch nicht gewusst, dass es von letzterem wohl noch einige mehr braucht, um mich –ebenbürtig mit meinen Klassenkameraden - über Ledersessel zu erbrechen.Gesetzt den Fall, ich hätte stets Schulmeisters Empfehlung beherzigt, auf Klassenfahrten ein ähnliches Muster aufzuziehen und sämtliche Nächte im kriminellen Berlin, Dublin oder Málaga im Esszimmer meiner Gastfamilie oder bei Uno-Runden mit wohlweislich jenen Lehrern zu verbringen, die ja nur das Maximum an Schutz für uns Schüler – und das Minimum an nervlichem Aufwand für sich selbst- herausholen wollen: Höchstwahrscheinlich würde ich immer noch glauben, dass Rauchen cool sei und Franzosen wahnsinnig attraktiv. Denn sonst hätte ich nie mitten in Berlin-Prenzlauer Berg den absoluten Nikotin-Schock meines Lebens bekommen und mir trotzig das blöde und sowieso lebensbedrohliche Paffen ein für alle Mal abgeschworen. Hätte mich auch nicht nachts um halb zwei verbotenerweise aus meinem Zimmer in der Jugendherberge geschlichen, „um frische Luft zu schnappen“ und mich dabei zufällig mit einem eleganten Pariser unterhalten, der sich für Victor Cassel junior hielt, jedoch keinen verständlichen Satz auf Englisch herausbrachte. Mitten in Dublin, wohlgemerkt.Gesetzt den Fall, nun zum dritten: Hätte ich jemals ein Fast-Verweis für unerlaubtes Streiken während der Schulzeit erteilt bekommen, wenn ich einmütig auf die Warnung meines Schuldirektors gehört hätte? Leider muss ich hinzufügen, dass ich schlussendlich den Todesstoß mit 0 Punkten in der abi-relevanten Klausur doch nicht riskiert habe, die hierfür hätte geopfert werden müssen. Deswegen habe ich auf einen der ja schon prestigeträchtigen Umweltstreiks am Freitagvormittag verzichtet, ich gebe es zu. Aber dennoch, der –fast durchgesetzte- Wille zählt: Sonst wäre ich wohl in den letzten Monaten vor den Abschlussprüfungen gedanklich nur in theoretischer Materie –Kant, Redoxreaktionen und Effie Briest- versunken, anstatt auch mal die Risiken von unperfekt vorbereiteten Klausuren einzugehen. Und immerhin habe ich Tage damit verbracht, mich über nachhaltige Fashion-Shops zu informieren, im Kalt-Duschen zu üben und in den allgemeinen „Fridays For Future“-Kanon wenigstens ansatzweise einzusteigen - anstatt meine Aufmerksamkeitsspanne auf Stapel von leuchtend roten Stark-Büchern zu beschränken. Hab sogar deutlich weniger Punkte kassiert. Wäre nicht passiert, hätte ich –ganz braver Musterschüler- stets auf die Ratschläge meines Direktors und so ziemlich allen anderen Autoritätspersonen in meinem Umfeld gehört.  

"Hätte" ist nicht immer besser

Nicht alles, aber doch ein ganz erheblicher Teil des Nicht-Befolgens von Ratschlägen hat einen großen Teil dessen geformt, was ich im Rückblick als „Lohnenswert Erlebtes“ einstufen kann. Ratschläge sind zwar nett und fürsorglich und nur mit besten Absichten verteilt an uns, die angeblich schwächliche „Generation Schneeflocke“.                                                                                                                                                                              Aber wir Schneeflöckchen wollen eben Erinnerungen, die länger bleiben als nur vier Kurshalbjahre, Die mehr sind, als nur ein Zeugnisvermerk, dass man sich stets ruhig und vorbildlich im Religions-Unterricht verhalten habe. Egal, ob man während der Schulzeit Vollzeit-Rebelle gespielt hat oder –so wie ich-, immerhin mal darüber nachgedacht hat, Ratschlägen zu folgen:  

Jene Erinnerungen, die man selbst geschaffen hat anstatt sie bereitwilllig von außen schaffen zu lassen, sind definitiv länger für die Ewigkeit gemacht.




                                  ESSAY

                                              Von Angsthasen und Killer-Robotern

                                                                07.03.2020

Seien es nun Künstliche-Intelligenz-Softwaretools, die man schon zur Tischreservierung in einem Restaurant unentlarvt anrufen lassen kann, sportliche Roboter mit Allround-Fähigkeiten und einem bewundernswerten Durchhaltevermögen, zehn extrem schnöde Handgriffe am Fließband gleichzeitig zu erledigen, oder Voraussetzungen namens Work-Life-Balance, die vonseiten der Generation Y an den Arbeitgeber gestellt werden: Entwicklungen und Erfindungen, Pläne und Prognosen nehmen die Arbeitswelt der Zukunft immer beängstigender ins Visier. Allein schon die Digitalisierungswellen der letzten Jahre geben uns allen Anlass dazu. Dieses Phänomen der Digitalisierung findet nun nicht mehr nur cool und gelassen als schickes Modewort Verwendung in sämtlichen Medien, sondern gilt bereits vielfach als Menetekel, das die zukünftige Arbeitswelt grundlegend verändern und aufwühlen wird. Tatsächlich werden wir wohl in den nächsten Jahren auf den größten Wandel seit der Industrialisierung zusteuern, seit ein Weißhaarperücke tragender, ziemlich konzentriert dreinschauender Schotte in den 1760er Jahren bahnbrechende Neuinstallationen an der Dampfmaschine vornahm. Hatte man damals schon befürchtet, jene sich daraufhin häufenden technischen Erfindungen könnten den einfachen Arbeitern irgendwann gänzlich ihren Lohnverdienst rauben, so tragen gegenwärtige Xiaomi-Vacuum-Saugroboter chinesischer Start-Up-Unternehmen aus Hongkong in gleichem Maß nicht unbedingt dazu bei, unseren Blick positiv auf kommende Einsatzmöglichkeiten richten zu lassen.

Nein, mit sonderlich viel Freude, Energie und Motivation begegnen die zukünftigen Rentenzahler ihren Berufen, dem zwischen 50 und 100 Prozent ihrer Lebenszeit ausmachenden Anteil, nicht. Ein Blick auf neueste Generationsdiagnosen von Soziologen mit Schwerpunkt Kohortenforschung genügt, um zu erkennen, dass vor allem Skepsis und Zweifel in Bezug auf die Arbeit der Zukunft vorliegen – und, anstatt sich brav den Erfordernissen eines Zeitungs-Stellenangebots zu fügen, definieren die Mitglieder der Generation Y oder Z die Anforderungen an den Beruf lieber selbst. Kinder der frühen Neunziger stellen beim Vorstellungsgespräch gleich klar, dass sie nur mit einem positiven heimeligen Arbeitsumfeld, welches ihrer Selbstentfaltung und Work-Life-Balance nicht im Weg steht, zu locken sind – ansonsten wird der verzweifelte, um qualifizierte Fachkräfte ringende Chef eben im Büro zurückgelassen. Die ersten vollblütigen Digital Natives ab etwa 1995, die Angehörigen der Generation Z, wollen hingegen lieber strukturierte Abläufe und fest geregelte Arbeitszeiten und im Gegensatz zu Y bloß keine Vermischung von Privatem und Beruflichem – nach Dienstschluss hat gefälligst auch Schluss zu sein, von wegen Home-Office oder solche Scherze.

Wenn employees von heute noch komplexere Bedingungen an die wahrscheinlich ohnehin schon diffizile Arbeitswelt von morgen stellen, ist dies eine logische Reaktion – vergleichbar mit den Vorbehalten, mit denen Menschen grundsätzlich auf drastische Umbrüche und drohendes Neues reagieren. Insbesondere dann, wenn es um die Fortentwicklung der Arbeit geht. Es sei nochmals an das 19. Jahrhundert erinnert, das Zeitalter der Industriellen Revolution, in dem schlesische Weber und englische Textilarbeiter die Häuser und Maschinen der Fabrikbesitzer zertrümmerten – aus Panik, die einschneidenden Schübe an technischer Innovation könnten die menschliche Arbeitskraft gänzlich ersetzen und das ohnehin schon verarmte Proletariat noch tiefer in den Pauperismus reiten.

Und wieder stehen wir vor einer angsteinflößenden Revolution, diesmal digitaler Art: Anstelle von Dampfmaschinen und Webstühlen sind es bislang unbekannte Kreaturen, die, ihre weißen Arme mit Riesenradius nach Auto-Teilen ausschwenkend und zu einem Gesamtwerk zusammenfügend, nun Staplerfahrer bei VW und Daimler um ihre Arbeit bangen lassen. Es sind potentiell menschenvernichtende Maschinen, die sowohl Politiker als auch NGOs zu Debatten über den bald bevorstehenden Einsatz von sich selbst steuernden Killer-Geräten in Kriegen veranlassen, wie sie bislang nur im Katastrophen-Science-Fiction-Fetzen „Colossus“ vorkommen. Roboter heißen sie, die Philosophenverbänden abverlangen, sich in ethischen Fragestellungen mit der tatsächlichen Möglichkeit der Ausbildung eines freien, autonomen Willens auseinanderzusetzen, für dessen Steuerung irgendwann weder Programmierer noch Informatiker verantwortlich sind. 

Dennoch kann sich die menschliche Spezies der prinzipiellen Verantwortlichkeit bei der Erschaffung all solcher Geräte, die nicht durch ein schlagendes Herz, sondern einen mechanischen Algorithmus am Leben gehalten werden, nicht entziehen. Stets waren sich die Menschen, die sich für die Erweiterung der Möglichkeiten durch anorganische Wesen entschieden, mehr oder weniger im Klaren darüber, sich als Arbeitskraft irgendwann selbst zu ersetzen. Jedes Mal in der Geschichte schoben sie hinterher Panik, ihre Arbeit tatsächlich dadurch zu verlieren – und immer konnten die Menschen dank dieser Innovationen neue Jobs kreieren, deren Existenz zuvor undenkbar gewesen wäre.  

Und es sind auch Menschen, die in Zukunft noch die Oberhand darüber behalten werden, wie sie zu arbeiten haben.

Trotz Forschungsergebnissen von hochkarätigen MIT-Wissenschaftlern, die mit besorgtem Stirnrunzeln die Hälfte aller amerikanischen Jobs innerhalb der nächsten zwei Dekaden zerfließen sehen, trotz drahtiger Jungunternehmer aus Fern-Ost mit unbeweglichem Gesichtsausdruck, die sich auf Zukunftsmessen eisenhart als führende Macht über die möglicherweise gänzlich digital werdende Berufswelt präsentieren, und trotz Job-Futuromaten, die außer Bestattern und Lehrern jedem anderen Job bereits jetzt eine automatische Ersetzbarkeit von mindestens 30% nachsagen, liegt es in der Hand jedes einzelnen Menschen, ob er sich in einen Strudel aus Grübeleien und Verlustängsten vor der ungewissen Arbeitswelt des morgigen Tages hineinziehen lässt. Oder ob er auf sich und seine Intelligenz, Kreativität, Emotionalität, Sensibilität vertraut – auf seine Menschlichkeit, die nicht einmal in den kühnsten Utopien und schlimmsten Dystopien von sprechenden Maschinen wegrationalisiert werden kann. 


SHORT STORY 

Höflich radikalisiert

03.03.20

Morgens verabschiedet sie sich für gewöhnlich mit einem Kuss von ihrem Freund, bevor sie aus dem Haus geht. Davor stehen große Transparente mit Thunberg in Übergrößeformat, grimmig aus der Wäsche schauend, die am Vorabend noch vom Grünen-Verband aufgestellt worden sind. Einen Monat später werden diese Plakate immer noch an Ort und Stelle stehen, auch Thunberg darauf wird ihren Blick nicht verändert haben. In etwa diesen Tagen wird Anna wieder vorbeispazieren, dieses Mal mit ihrem Freund. Er wird kurz stehen bleiben wollen, um aufmerksame Blicke darauf zu werfen. Im nächsten Moment aber weitergezogen werden von seiner Freundin, die für Greta Grimmig nichts weiter als ein mildes Lächeln übrig hat. Kindskopf, clever zwar, aber Kindskopf , denkt sie sich.

Eigentlich sind sie sich recht ähnlich, Thilo und Anna, Menschen, die sich stets auf dem Laufenden halten, die ZEIT abonniert haben und prinzipiell wie angenehme Personen wirken, mit denen man gut auskommen kann, die bereit sind, Kompromisse zu schließen. Wie viele Millenials, die man bei L`Osteria oder im elternfinanzierten Opel Adams so sitzen sieht, mit ihren verfrühten Bachelorscheinen und mit humanitären Hilfserfahrungen in Äthiopien im Gepäck. Es ist noch gar nicht mal so lange her, da haben er und Anna noch die Studentenausgabe ZEIT CAMPUS gekauft. Nach dem Masterabschluss –und einer vierteljährlichen Rundreise durch Nepal- schließlich das erste gemeinsame Apartment bezogen, mit Arbeitsplätzen nicht zu weit voneinander entfernt, und Arbeitszeiten, die nicht zu sehr voneinander abweichen. Bemühung um Ausgleich. Er verbringt zwei Tage die Woche mit seinem Home-Office zuhause, an den Wochenenden haben sie beide gewöhnlich frei. Zeit, um Ausflüge an den Wannsee zu unternehmen und sich abends mit Freunden in eine Kneipe zum Plausch zu setzen. Oder einen Club in Berlin Mitte zu besuchen, auch wenn man als Fast-Dreißiger manchmal schon gerne zugeben würde, dass Techno-Musik weder den geeigneten Nährboden für wirklich ausgelassenes Tanzen bietet noch anderweitig sonderlich erquickende Emotionen auslöst (man verkneift es sich aber meistens, man will ja kein Paradiesvogel sein. Und man muss ja nicht immer alles sagen).                    In der Flut neu aufstrebender Musiker hat es ab etwa 2017 tatsächlich einen Einschnitt gegeben: Die Charts werden immer öder, eintöniger, Runterzieh-Lieder; ab und an durchbrochen von lahmen Pseudo-Playa-Fiesta-Songs, die nicht einmal in vollständig in der Muttersprache des jeweils verkrampft hoch singenden Interpreten vertextet sind, sondern nur señorita- und corazón-Einschübe enthalten. Und dann als Sommer-Hit des Jahres herhalten müssen, weil es nichts Besseres gibt. Die Ursprünglichkeit, Authentizität ist seit den letzten Jahren immer mehr verloren gegangen und der Schleier des Unausgegorenen wird in den nächsten Monaten weiterhin Einzug halten. Jeder weiß, dass er so Standard ist, wie es KitschKrieg auf hellsichtige Weise besingt, mit dem man im Übrigen gut und gerne auch eine Beerdigungsfeier entertainen könnte. (Stattdessen lassen sich damit heutzutage ganze Stadien euphorisieren, die dabei merkwürdigerweise den Hüpfschritt im selben Tempo aufrechterhalten wie vor zehn Jahren, als man noch voll auf den Beat von Avril Lavigne und Rammstein abgefahren ist).

Kompromiss und Merkelraute – die Generation Y

Das sind eben die Millenials. Gut sehen sie zusammen aus, jung, erster erfolgsversprechender Job, anständige Erscheinungen. Ein bisschen brav vielleicht, wenn sie mit ihren beigen Herbstmänteln und handgestrickten Schals von Peek& Cloppenburg durch die Straßen Hand in Hand schlendern; nicht so, als ob sie im Anschluss an diesen Bummel abends erwartungsvoll in die Kiste hüpfen. Dabei haben sich Anna und Thilo zusammen die Fifty Shades –Reihe reingezogen und tatsächlich das entsprechende Spezial-Spielzeug bestellt, so pro forma irgendwie. Das Verlangen nach dem Kick aber fällt vergleichsweise moderat aus. (Wobei Thilo anfangs inbrünstige Liebesbriefe an Anna verfasst hat, sie jedoch war über deren Anblick eher erschrocken als erfreut). Worauf baut ihre Liebe, was ist ihnen denn wichtig? Vertrauen, Harmonie, Ausgewogenheit? Tatsache, dass sich der Wortschatz der Millenial-Generation in allen Lebenssituationen ähnlich verlauten lässt. Alles soll möglichst moderat und ausgewogen gestaltet werden, ausbalanciert werden, dass man am Ende nicht das Gefühl hat, sich wahlweise auf Arbeit oder Privatleben zu sehr versteift zu haben. Work-Life-Balance, der Standard von Generation Y. Die Liebe darf natürlich noch Liebe sein, aber muss in ausgewogener, gut abgewogener, exakt abgemessener Form existieren. (Denn „die Liebe sei nicht zu roh[i]“). Sätze wie „Ich liebe Dich über alles und würde verdammt noch mal alles für Dich geben“, die sind irgendwie beängstigend. Außerhalb des Kontrollbereiches. Nicht mehr nach Kompromiss klingend.  

Und dabei zieht Kompromissmus die Fäden dieser Tage. Er avanciert zum geflügelten Wort und zur optimalen Umgangsweise, in allen denkbaren Bereichen. Nicht nur Anna und Thilo schließen drei Monate später einen Kompromiss, was getrennte Ausgehzeiten anbelangt – sie maximal an zwei Tagen unter der Woche, er einmal am Wochenende. Am selben Abend verfolgen sie –gemeinsam vor dem Fernseher -, dass sich auch die GroKo in der Frage um CO2-Steuer auf einen Kompromiss geeinigt habe.  Selbst Grüne hätten –trotz legendärer Wutreden von Anton Hofreiter, bei dem sogar Stühle durchs Parlament flogen- vorerst nichts mehr auszurichten gehabt.  Das Plakat unten vor der Haustür nutzt sich langsam ab vom vielen Regen, der in den nächsten Wochen nicht abreißen will. Im Amazonasgebiet dagegen steigt die Zahl der Feuer kontinuierlich an – und führende Politiker legen ihre eigene Hand für den Erhalt der Artenvielfalt in Regenwäldern nicht tief genug ins Feuer. Man zeigt sich hilflos und sucht den Dialog, den Kompromiss mit einem Mann, der keine Notwendigkeit im Abholzungsstopp des Amazonas-Gebietes sieht und, what is more, Umweltschützer selbst für den Ausbruch von besagten Bränden verantwortlich macht.

Schmollmünder und Offenheit – die Generation Z

Ein halbes Jahr später. Man hat zunächst in den Charts die Nase voll von Dialog. Man ist auf der Suche nach etwas, woran die Gesellschaft unbemerkt krankt. Gefunden von Billie Eilish, die trotz ihres blutjungen Alters für steigende Furore sorgen wird. Und mehr Wert auf Wahrheit legt, rein und pur und ohne medienwirksame Ausschmückung, die es dann schon wieder so standardmäßig machen würde. Wahrheit darüber, wie überfordert und erschlagen sich ein Teenie von heute eigentlich fühlt, der in einer bis zum Anschlag digitalisierten und durchökonomisierten Gesellschaft aufgewachsen ist. Das macht die andere Generation, die Z aus, geboren ab etwa 2000. Diese Zler sind nicht nur digital ferngesteuert und auf der Jagd nach epischen Shots für ihr jetzt schon ausgetüfteltes 5000-Follower Instagram-Profil. Sondern sie sind vergleichsweise verdammt ehrlich, in vielen Vitas sind bereits während der Schulzeit depressive Erkrankungen vermerkt. Darüber, über psychische Probleme sprechen sie mittlerweile ganz offen, genauso wie über Homosexualität und Transgender-Bedürfnisse. Gruselig ehrlich, mit allen Fakten hauen sie auf den Tisch. Vorerst bleiben sie dabei höflich und ignorieren trotzig, dass sie als Generation der höflichen Revolte mit trotzig verkniffenen Gesichtern wahrgenommen werden. Eine Generation, die schlicht und einfach nur sich selbst verkörpern will.

Sieben Monate später wird Thilo auf einmal das Thema Polyamorie ausbreiten – mitsamt einem Zettel, auf dem sich Adressen für entsprechende Netzwerke finden. Wäre es nicht mal aufregend,  was ganz Neues? Die Beziehung sei ja nicht zu Ende, man würde vielmehr in ein langfristiges Zusammenleben investieren, wenn es um unbekannte Aspekte erweitert werden würde. So gesehen doch eigentlich ein guter Kompromiss. Anna reagiert…. nicht trotzig-höflich, aber höflich-reserviert. Typisch Generation Y. Sie teilt allgemeinen Hype für bad guy und dessen Interpretin übrigens nicht, dieses bizarr-schräg-verruchte Geflüstere, das sich in solch zwielichtigen Kreisen wohl gut machen würde. Im Allgemeinen ist ihre diese langsam kippende Stimmung in der Gesellschaft überhaupt nicht begreiflich. Auch noch Bundestagswahl momentan, wo alles noch mehr anschwillt. Am liebsten würde sie Merkel behalten und außerdem weiß sie nicht, ob sie die Kapazitäten für Thilos Idee frei hat. Hochmütig zuckt sie mit den Schultern.                                                                                             In der deutschen Autoindustrie würde man auch lieber florierende SUV-Neuzulassungsraten beibehalten und ist sich auch nicht sicher, ob man Kapazitäten für Hybrid-Kleinwagen aufwenden möchte. Bei Apple hingegen ist man um Kapazitäten unbesorgt, der hochprofessionell ausgebildete IT-Nachwuchs wird den exponentiell wachsenden Bedarf an weiß-glänzenden Riesentelefonen weiterhin stillen.                                                          Nein, trotz scheinbarer Kippstimmung ist es bislang noch nicht in das schleichend erleuchtete Bevölkerungsbewusstsein gedrungen, wie gefährlich Transparenz und gleichzeitig Undurchdringlichkeit digitaler Technologien eigentlich sind. Dass es ein Wunder ist, in welch relativ harmlosem Rahmen alle Profi-Hacker bisher herumgepantscht haben. Wenigstens neuzeitliche Stress-Erkrankungen werden nun ernster untersucht. Erholungskuren und Psychokliniken voll von Menschen jeden Alters, -nicht nur von Zlern-, die sich ausgebrannt und überfordert fühlen. Experten wie Thilos Mutter, die sich als Psychologin in langjährigen Studien dem Einfluss von flimmernden Bildschirmen und virtuellen Netzwerken auf die menschliche Psyche gewidmet hat, wird immer mehr Gehör verschafft.

Acht Monate später ist dann schon stylisch und gesundheitsfördernd und nachhaltig zugleich, auf klobige Nokia-Handys umzusteigen und statt Word-Dokumenten die eigene Handschrift einzusetzen. Wissenschaftliche Studien häufen sich nämlich, dass Einprägsamkeit und Gedächtnisleistungen durch die eigene Handschrift mehr gefördert werden als Abgetipptes. Zu Beginn des nächsten Schuljahres wird die Anzahl der Laptop-Klassen an deutschen Schulen um 20% sinken.  

Anna liegt jetzt übrigens im Krankenhaus. Ein Zusammenstoß mit einem SUV, als sie mit dem E-Scooter unterwegs gewesen ist. Der 65- jährige Fahrer muss sich möglicherweise vor Gericht verantworten, auch wenn aufgrund mangelnder Augenzeugen schwer festzustellen ist, wer wirklich die Schuld trägt. Als erstes erhält Anna Besuch von ihrem Anwalt, der sich äußerst zuversichtlich zeigt. Die Richter sind eindeutig ihr zugetan. Auch in der öffentlichen Debatte stellen sich diejenigen auf Annas Seite, die den Ausbau von Radwegen, die Produktionsförderung von Beyond Burger und Bolsonaros Sturz vor ein paar Wochen befürworten.                     Ein gewaltiger coup d’etat, gegen einen Mann, der keine Kompromisse eingehen will, verübt von einer Gruppe, die ebenfalls keine Lust mehr auf Kompromiss haben. Und nun sind es ausgerechnet diese Wilden und Radikalen, die sich, ohne es zu wissen, auf die Seite des lebenden Kompromisses Anna stellen (der es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nimmt). Nichtsdestotrotz schlägt ihr Fall so große Wellen, dass der Bundeskanzler nun endgültig ein absolutes Fahrverbot für SUVs in mehreren deutschen Innenstädten initiiert.

Direkt nach dem kompetenten Anwalt erscheint der besorgte Thilo, um nach seiner Freundin zu sehen; er wird im Lauf der nächsten Wochen danach immer noch ein noch ein halbes Stündchen mit Katarzyna plaudern, einer jungen Krankenschwester auf Annas Station. Thilo ist stets ein engagierter Mensch gewesen, mit einem typischen Helfersyndrom mütterlicherseits vererbt, der sich interessiert die Schwierigkeiten in der Pflege-Branche und den Notstand in Krankenhäusern anhört. Eines Tages verspricht er der polnisch-stämmigen Mitarbeiterin, sich mal mit seinen Kollegen aus der Marketing-Abteilung zusammenzusetzen. Vielleicht könne man ja eine Kampagne auf die Beine stellen und Pflegevereinigungen bei Veranstaltungen damit unterstützen. Katarzyna ist begeistert, Thilo lässt sich davon immens anspornen. Fuchst sich immer weiter in das Thema ein, und wird in zwei Monaten sogar vom beeindruckten Bundeskanzler Habeck zurate gezogen werden, der einen neuen Gesetzesentwurf zur Stärkung des Pflegepersonals in Krankenhäusern verabschieden möchte.  

Zwei Jahre später wird ein Hospital in Chicago durch einen Hackerangriff vollständig lahmgelegt werden, der bislang folgenschwerste Angriff dieser Art. Derweil befinden sich Thilo und Katarzyna auf Flitterwochen (das Konzept der Polyamorie haben sie sogar ausprobiert, aber das war ihnen dann doch zu viel der Akzeptanz. Stattdessen wollen sie klare Kante zeigen und sich klassisch zu ihrer beidseitigen Liebe bekennen). Nach Süditalien unternehmen sie eine Tour auf dem Rad, weil sich Grünen-Abgeordneter Thilo in der Öffentlichkeit nicht mehr an Flughäfen zeigen sollte. Denn wer als Abgeordneter heutzutage noch fliegt, darf gut und gerne mit einer Schar Aktivisten rechnen, die mit trotzig verkniffenen Mündern das Flughafenpersonal zum Boykott auffordern. Die Zler sind mittlerweile volljährig, und die Haltung der Höflichkeit, die sie in den Vorjahren bei Protesten an den Tag legten, hat sich auf ein Minimum reduziert. Sie wollen keine Kompromisse mehr, sie wollen raus aus einem Zeitalter, in dem viel zu wenig in schwarz und weiß gedacht wird, sondern sich jeder in nie enden wollenden Grautönen einnistet, nur um sich zu keiner klaren Position bekennen zu müssen.  

Die Zler sind es auch, die zum ersten Mal seit Jahren des Beziehungs-Herumdümpelns und Halbherzig-Tinderns wieder eine richtig klassisch-romantische Liebeskultur einführen. Bei Gruppentreffs werden aus der Literatur die blumigsten Liebeserklärungen herausgesucht, zusammen hilft man sich, herzzerreißende Liebesbriefe an das umgarnte Objekt der Begierde zu schreiben. Willkommen-und-Abschieds- Gedichte in stürmer-und drängerischer Manier. Welch‘ Wonne, man lässt Liebe doch nicht als schmerzlichen Kompromiss verenden, den die Vorgänger im Leben gerade so, mit Ach und Krach, eingebaut haben. „Ganz war mein Herz an Deiner Seite/Und jeder Atemzug für Dich“ 

Anna und der Anwalt einigen sich auf einen Kompromiss in Sachen Kinderbetreuung ihrer kleinen Tochter.  

Radikale Wahrheiten – die Generation der Zukunft

Die Millenials sind machtloser geworden. Drei Jahre sind nun vergangen, seit Anna und Thilo Greta im Regen betrachtet haben. Die ist mitsamt ihren Plakaten aus der Öffentlichkeit zurückgetreten, hat ihr Erbe aber weitergegeben, an die nahe und ferne Zukunft. Ihre Grimasse, die trägt jetzt Billie.  Eilish ist mittlerweile zur jüngsten Ikone der Popgeschichte überhaupt avanciert und wird als solche täglich durch Lobeshymnen und Morddrohungen öffentlich registriert. Trotz allen Gefahren, die eine radikaler werdende Welt so mit sich bringt, hat sie ihren Hauptwohnsitz ins Dakota House direkt am Central Park verlegt. Trotzig-symbolisch.   Symbolisch für den Anbeginn einer Zukunft, die wieder unerbittlicher und ehrlicher wird, weil sie es muss. Sie sieht sich gezwungen, durch Mutter Natur, durch digitale Überforderung, durch den Kompromiss, der an alledem nichts zu ändern vermag.   In Zukunft, so hoffen wir, wird die sich die Wahrheit radikalisiert haben.       

[1] Aus Johann Wolfgang von Goethes: „Willkommen und Abschied“    [i] Aus Heinrich Heines „Sie saßen und tranken am Teetisch“ 







KOMMENTAR

Ich sag' jetzt mal nichts dazu 

20.02.2020

Nicht nur der rasanteren Drehung der Weltachse im Zuge der Modernisierung, Technisierung, Digitalisierung, nicht solchen besorgniserregenden Entwicklungen, wie etwa Menschen irgendwann vollständig durch Roboter zu ersetzen, ist eine der (leider unzähligen) imbezilen und idiotischen Verhaltensweisen des menschlichen Wesens geschuldet – nämlich vollkommen unnötigerweise alles auf äußerst penetrante Art zu kommentieren. Zwar mögen etwaige Resultate der Digitalisierungswelle die Auswahl an stupiden Themen noch erweitern, mit denen sich nun der moderne Mensch in nicht gerade tiefsinniger Weise auseinandersetzen kann. Vor den Zeiten des Silicon Valley war es schließlich noch nicht drin, über so was wie päpstlich verhängte Twitter-Vorschriften für Nonnen zu schwachsimpeln. Jedoch täuscht sich, wer solch fragwürdige Formen des Redens und Kommunizierens einzig und allein als Ausgeburt des oberflächlichen 21st-Smalltalk-Century betrachtet. Egal, ob wir uns hundert, zweihundert, tausend Jahre auf der Zeitachse zurückzoomen würden, immer würden wir ein ganz bestimmtes gesellschaftliches Phänomen festmachen können, einen absoluten Knigge in sämtlichen Unterhaltungssituationen. 

Die Phrase – altbekannt unnötig
Die Phrasen – direkt ab dem Urknall wohlig und heimelig im menschlichen Gehirn eingenistet und schleichend dessen trägen und faulen Anteil immer mehr vergrößernd, lassen den homo gar nicht mehr so sapiens erscheinen, wenn er derart unkluge, unweise und wenig fundierte Äußerungen von sich gibt. Denn sie sind nicht nur Hauptzentrale sinnfreier Gesprächsthemen, vorbeugend gegen hilflose Sprechpausen und unangenehme Lücken in der Gesprächsführung. Auch um den edlen Titel der „ Königin unter leeren Worthülsen“ haben sie es sich verdient gemacht. Phrasen - der abwertende, herabwürdigende Beigeschmack ist deutlich herauszuhören. Nichtsdestotrotz haben wir Menschen ganz offensichtlich keinerlei Anstalten gemacht, um die Phrase aus unserem Leben ein für alle Mal zu verbannen und ausschließlich durch fundierte, durchdachte, untermauerte Beiträge zu ersetzen. Stattdessen haben wir unser Bestes gegeben, das Verhältnis zur Phrase bis aufs Höchstmaß zu intensivieren und uns an deren Hilfsbereitschaft in so zahlreichen Situationen zu klammern.
Allein schon im Alltag sind wir durch ganz unterschiedlichen Nutznießer- Beziehungen mit den Phrasen verbunden: So unbezahlbar ist beispielweise das Gefühl der Sicherheit, welches Phrasen verschaffen können, wenn mit vorgefertigten leblosen Dialogen der Abend mit der ungeliebten Schwiegermutter überstanden werden muss. So groß ist der Eindruck, der geschunden werden kann, wenn man mit einem Korb Salz und Brot und falschfreundlichen Wortspielereien vor der Tür der neuen Nachbarn steht und auf ewig einen „guten Zusammenhalt und treue Nachbarschaft“ garantiert; und so viel Wahrheit wird verborgen, sagt man der Freundin scheinbar herzzerreißend, wie wunderschön sie heute einfach mal wieder aussehe.
Aber nicht nur unter den Normalos der Mittelklasse bedient man sich auf hoher Frequenz dem Notfallkoffer des Floskelvokabulars. Ebenso bei Menschen, die -wie man meinen sollte- mit höherstehenderen, bedeutenderen Angelegenheiten betraut sind als der alltägliche Umgang im Miteinander, treten die Phrasen und Floskeln in noch prachtvolleren Gewändern und edlerem Geschmeide in Erscheinung. Dieser Satz jetzt noch mal unphrasiert-unrasiert formuliert: Es geht um Politiker, die die Redekunst mehr als beherrschen. Denn es ist eine in der Tat bewundernswerte Kunst, wahre Zusammenhänge durch nebulöse Aussagen zu verschleiern, konkrete Positionen durch zähe Sprechblasen bestmöglichst zu vermeiden und durch immer gleich gestaltete Textbaukasten die Menschheit auf verschlungene Irrwege zu führen - nicht zu vergessen den unbezwingbaren Satzbaudschungel, in dem das Fehlen nicht vorhandener staatsführender Ziele geschickt vor dem Wähler vertuscht wird. Die Palette an Beispielen politischer Rhetorik oder vielmehr unpolitischer Phrasologie könnte man noch bis ins Unendliche ziehen - und doch würde ein einzelner schwammiger Satz eines Politikers auf der Monatsversammlung ostfriesischer Landwirte in Münkeboe ausreichen, um zum Ausdruck zu bringen, dass das Geschäft Politik mitnichten ohne Phrasen existieren geschweige denn auf unserem Planeten überleben könnte.
Hiermit ist das Beweismaterial unumstößlich, der Tatbestand liegt nach Paragraph 1 des BGB (Blödes-Gelaber-Gesetzbuch) offiziell vor: Abgedroschene Phrasen und hohle Hülsen weisen ein derartiges Spektrum an Vielseitigkeit und die Verwandlungsfähigkeit eines Geckos auf, dass eine Welt ohne sie nicht mehr vorstellbar erscheint. Solche Momente, in denen es im Bereich des Möglichen läge, ohne dümmliche verbale Mittel auszukommen, sind also– sollte man sich deren Existenz nach Millionen von Jahren überhaupt noch entsinnen- ins Undenkbare entschwunden.

Wer schweigt denn heutzutage noch? 
Doch warum zur Hölle unternimmt denn keiner was dagegen? Wo sind bloß all die Menschen hingekommen, die über genügend Bodenhaftung verfügen, sich nicht in die Abhängigkeit von abgewickelten Sätzen begeben zu müssen? Was ist mit solchen Menschen passiert, die sich keinen aufdringlich grinsenden Single mit locker-verkrampftem Smalltalk für die nächsten Jahrzehnte lästigerweise ans Bein binden, sondern durch „ Danke, kein Gesprächsbedarf“ auch mal auf die unfeine, ungehobelte, unmissverständliche Art abweisen können? Findet man sie überhaupt noch? Menschen ohne krankhaften Bedarf nach hübsch verpackten, von einer stylischen Agentur für Timeless Stupid Statements ausgearbeiteten Phrasen, die mit einer Tüllschleife versehen, nun zur Abholung bereit liegen und überreicht werden von einer puppengleichen Mitarbeiterin, deren faltenfreies, leeres, universaleinsatzbereites Lächeln sie zwar Lügen strafen mag, aber dafür perfekt mit dem oberflächlichen Firmenprodukt übereinstimmt?
Welche Tipps würde diese offenbar nur noch sporadisch in entfernten Gegenden der Welt lebende, zur Rarität gewordene Spezies, dem oberflächlichen Rest der Welt nun geben – dem in Phrasen und leeren Floskelketten versinkenden Rest der Welt-, der sich nicht lösen kann von diesen so essenziellen Unterstützungsmöglichkeiten, die jedoch beim Aussprechen zuweilen genauso enttäuschend anmuten wie das Auspacken eines unerwünschten Geschenks?
Vielleicht sind solche Einsiedler einfach erprobt darin, wie es ist, nichts zu sagen, statt mit Floskeln irgendeine Leere zu füllen - nichts, statt per Smalltalk am Businessabend zu Businesssalat beim möglicherweise zukünftigen Chef des möglicherweise zukünftigen Traumjobs den möglicherweise höchsten Beliebtheitsgrad unter Dach und Fach zu bekommen, und erst recht nichts, statt durch falsche Komplimente und Schmeicheleien die Anzahl der Freunde krampfhaft aufrechtzuerhalten. Alle Strategien der Kriegsführung wenden sie an, um der Panik vor der Gesprächsleere den Kampf anzusagen.

Mut zur Lücke und zur Stille
Denn die permanente Verwendung der Phrasen, um eine Leere zu füllen oder eine möglicherweise unschöne Wahrheit zu überschminken, nährt nur noch weiter die Angst vor unangenehmen Situationen, denen wir unter deren Zuhilfenahme aus dem Weg gehen wollen. Nein, so machen es diese Menschen eben nicht. Sie setzen sich mit Mut und Tapferkeit dieser Situation aus, so sehr sie auch den Drang hätten, davonzulaufen, und vermeiden die allzu menschliche Tendenz des Vermeidens. Vermeidung des Vermeidens des Unbequemen– ein äußerst bewährter Ansatz, der auch in der modernen Psychologie zur Problembewältigung immer wieder gerne genutzt wird. An all diejenigen, die nun beschämt den Kopf schütteln, weil sie sich nun als bei Weitem nicht so taffe Gemüter einordnen können, die der Unsicherheit und Einsamkeit heroisch ins Angesicht blicken: Warum nicht trotzdem einmal so tun, als ob man eben genau dieser Held sei, und das Ungewohnte, Unangenehme, Unsichere ausprobieren? Das da wäre: Konsequent nichts zu sagen, wenn sinnfreie Worthülsen die Peinlichkeit der Gesprächsleere vermeiden könnte. Schweigen anstelle der Phrasen.
Keine Angst, die Phrasen würden ja nicht auf ewig vollständig verdrängt werden. Sie würden bloß nicht mehr den am meisten verwendeten Bestandteil unserer sprachlichen Kommunikation darstellen - und uns somit hoffentlich wieder etwas mehr der Würde und Wahrhaftigkeit eines homo sapiens annähern.






Daily Reflection: Liebe im urbanen Raum – wo sich Sähen nicht lohnt?

07.02.20  



Die kalte Großstadt, die in ihrem grauen Treiben und unerbittlicher Trostlosigkeit keinen Raum für Euphorie zulässt. In der für Emotionen eines Individuums in der verschwimmenden Menschenmasse kein Platz bleibt. Wo Nähe und Empathie der Unpersönlichkeit in Form von gruß-und interessenlosem Verhalten auf den Straßen zum Opfer gefallen ist. Die abweisende Großstadt, in der Gefühle –wenn überhaupt- zweitrangig sind. Und in genau dieser Großstadt sollen sich Paare leidenschaftlichen Liebesgelüsten hingeben können? Trüben solche Bilder von Orten, an denen Gefühle Mangelware sind, nicht jede noch so rosarote Herzbrille? Kann Liebe im urbanen Raum überhaupt überleben?
Erste Zweifel nämlich liefert der Anblick ambitionierter Jung-Workaholics auf den Straßen – solche, die vor lauter i-Phone-in-der-einen-Hand-Coffee-to-go-in-der-anderen und busy busy zum nächsten gläsernen Tower hetzend, doch überhaupt keinen Sinn geschweige denn eine freie Hand für eine liebevolle zweite Hälfte haben. Auch abends, wenn sie sich in begehrte Berliner Clubs begeben und einen auf der Suche nach der wahren Liebe machen, so sind sie allerhöchstens auf der Suche nach schmückendem Beiwerk. Nummern werden zwar en masse ausgetauscht, vielleicht wird sogar mal eine Nacht miteinander verbracht – bis dann einer jedoch am nächsten Morgen auf ebendiese grußlose Art davonzieht und sich zur nächsten Partynacht aufmacht. Sobald Langeweile aufkommt, kann man schließlich zwischen mehreren Auserkorenen variieren; und sobald auf einmal doch beängstigend viele Gefühle im Spiel sind, wird sich geschmeidig wieder aus der Affäre gezogen. Bars und Nachtclubs könnten keine bessere Steilvorlage für dieses freizügige Verhalten liefern- das im Übrigen allen Großstädtern gemein ist, nicht nur den jungen erfolgreichen Dandys. Ebenso wie Bedürfnis nach einer treuen und beständigen Beziehung, das unter der Spezies der Großstädter so geschlossen nicht vorhanden ist, dass es auffällt. Vorstellungen von einvernehmlichen, gegenseitigen, im schlimmsten Fall sogar ewigen Verhältnissen lösen bei einem homo urbanus einfach akutes Unwohlsein und starken Ausbrechdrang aus. 

Liebe To-Go und viel Milchschaum

Hier in der Metropole ist eben die Freiheit wichtiger, die zum Austoben und Knüpfen oberflächlicher Bekanntschaften nötig ist. Wer von ihnen extrem offen für alles ist, das Risiko einer möglichen Bindung noch stärker minimieren will und vielleicht noch mehr Zeit einsparen möchte, die mühsames Anquatschen an der Bartheke braucht, wird zum Ausgehen jedoch keinesfalls gezwungen. Verwendet man nämlich Datingportale wie Tinder, so muss man sich nur noch zum ersten Rendezvous aus dem Haus begeben.
 Und sogleich stößt man auf die nächsten Fehlerquellen, die der Großstadliebe massiv zusetzen. Die Nachtclubs tragen keine alleinige Schuld an der Verbannung tieferer Gefühle. Nein, auch die Entwicklung zu einem noch modernen und schnelllebigeren Zeitalter wirkt liebevollem Zusammenleben entgegen. Betroffen von der sogenannten Digitalisierungswelle sind nicht nur Singles unter 30, die über besagte Tinder-App obskure Partner kennenlernen, die ohnehin drei Wochen später wieder zu Staub und Asche zerfallen sind. Nein, alles was mit Online und Technik zu tun hat, prägt und schadet dem Alltag derer, die -Achtung, festhalten- in der Großstadt leben und den Status einer festen Beziehung oder gar einer Ehe haben. Stopp, so etwas existiert überhaupt?! Angesichts jener Impressionen, die Ihnen von einer Großstadt bisher vermittelt wurden, (plus Lärm und Abgase nicht zu vergessen) erscheint es quasi unmöglich, an einem solchen Ort zueinander zu finden und auf Dauer ein ernsthaftes Verhältnis aufzubauen. Wirklich schwer vorstellbar- aber es gibt schließlich immer Exoten. Lange wird denen aber auch nicht zum Lachen zumute sein, jene Digitalisierung wird auch in jenen seltenen Fällen ungehindert Einzug halten. Wenn bloß einer der beiden einen Job hat, der einigermaßen Gehalt bringt, kann er sicher sein, dass die wenigen Kuschelstunden mit dem Lieblingsmenschen nach Feierabend vom Home-Office- Patent gefressen werden. Jobstress, der dann durch solche digitalen, angeblich effizienzsteigernden Arbeitskonzepte mit nach Hause genommen wird sowie Leistungsdruck, der einen nicht einmal mehr innerhalb der eigenen vier Wände in Ruhe lässt, gedeihen auf hektischem Großstadtboden wohl am fruchtbarsten: Einfach weil sich dort Firmen und Betriebe next to each other´s door tummeln. Unter derartigem Einfluss der technisierten Arbeitswelt wird es der zarten Knospe der Liebe abermals verwehrt, im urbanen Raum zum Blühen zu kommen oder –sollte sie seltsamerweise doch bis dahin gekommen sein- sie verwelkt sehr schnell.

Romeo und Julia nur auf dem Dorfe möglich? 
Tja, liebe Paare in der urbs, Sie haben wohl einfach Pech gehabt: Der unbesiegbare Wunsch der Großstädter nach Freiheit und seichten Beziehungen, das übermäßige Angebot an Möglichkeiten, promiskuitiven Vorlieben nachzugehen, die intimitätsschädigende Verzahnung von Beruf und Privatleben und daneben noch einige kleinere Umstände wie Lärm, Abgase und enge Stadtwohnungen, killen auf Dauer jegliche Annäherungsversuche. Glückwunsch, Landeier: Sie dagegen können glückselig Hand in Hand Traktor fahren, malerisch zusammen Heu ausmisten und sich abends in Ihren verlassenen Käffern gegenübersitzen. Für ein süßes Frühstück in Zweisamkeit am nächsten Morgen umständlich selber Kühe melken und harten Brotteig kneten- wenigstens auf dem Land bekommt die Romantik doch einen richtigen Schub, oder nicht?
Hört sich das für Sie so viel besser an, ganz ehrlich? Funktioniert es mit der Liebe im ländlichen Raum so viel besser als im städtischen? Bergen Kuhstall und Dorfkirmes so viel bessere Chancen auf das wahre Liebesglück?
Enge Stadtwohnungen, die nerven, weil im obersten Stockwerk liegend, können bisweilen auch ganz schön kuschelig sein. Anziehung und Intimität können sie schaffen, wenn man sich im gegenseitigen Chaos ständig über die Füße trampelt. Die Ausdehnung des Büros auf zuhause durch den digitalen Bildschirm mag wohl häufiger zu Konflikten führen, so dann aber auch schneller ans Licht bringen, was in der Beziehung sonst noch falsch läuft–um sich dann als Gegenmaßnahme Wellness-Trips übers Wochenende zu gönnen. Da sei es noch so malerisch, ob man in Hintertupfingen wohnt-es ist und bleibt eben Hintertupfingen, von wo aus man eben nicht einfach mal so eben für zwei Nächte Versöhnungsurlaub wegdüsen kann. Erst recht nicht, wenn man noch einen Bauernhof unterhält und Vieh und Feld einen doch mehr einspannen als die Agentur mit dem Home-Office, aus der man bei Unterbrechung des 24/7-Arbeitslebens im schlimmsten Fall hinausgeworfen wird und sich notfalls mit einem anderen Job begnügen muss. Im Gegensatz zum Land, wo der Weg bis zum nächsten Theater manchmal so weit ist, dass man lieber gleich aufgibt und tagaus, tagein, auf seinem Gehöft vor sich hinmodert, bietet die Großstadt hingegen so viele abwechslungsreiche Unternehmungen, denen zugegebenermaßen der unschöne Charakter von Treuelosigkeit und pubertärem Rumexperimentieren nachhängt. Andererseits eignen sie sich mindestens genauso gut als sofortige Abhilfen gegen Alltagsroutine und Beziehungsflauten: Braucht die Liebe mal Tapetenwechsel, und zwar richtig einschneidenden und tiefgehenden, ist man in der Großstadt besser aufgehoben. In genau dieser Großstadt, die so schlimm ist, weil…naja, das wissen Sie bereits.
Es ist aber auch die Großstadt, die brennt vor Aufregung und Abenteuerlust. Die Großstadt, die an jeder Straßenecke neue Erfahrungen und Bekanntschaften eröffnet, von denen sich viele auflösen mögen, einige wenige aber auch längerfristig einleben können. Die Liebe im urbanen Raum kann scheitern und zerbrechen und manchmal ist es für sie zu eng, um richtig atmen zu können. Aber genauso oft verschafft ihnen die kosmopolitische sirrende Luft der Großstadt, die schillernde Luft der abertausenden Möglichkeiten, geeigneten Boden, um sich wie eine prächtige orientalische Pflanze zu entfalten.




LOBESHYMNE

Kaffee, Du unser, der Du bist in der Tasse...

13.11.2019

Mittlerweile sollte es sich in niemandes Ohren mehr übertrieben anhören, wenn man so inbrünstig nach Kaffee lechzt, als ob die gesamte Zukunft daran hängen würde. Wenn das Aufstehen am frühen Morgen erst mit einer heißen Tasse Espresso zwischen den Händen Sinn zu machen scheint. Oder wenn die ganze Welt erst dann halbwegs in Ordnung sein kann, sobald das herbe Aroma von frisch gemahlenen Bohnen durch den Raum zieht.Denn diese dunkelbraune Brühe hat sich in unserer Gesellschaft um einen exzellenten Ruf verdient gemacht. Und das seit scheinbar unendlicher Zeit, sodass Mensch sich gar nicht mehr so genau entsinnen könnte, wie das eigentlich alles angefangen hat mit dem Kaffee. Klar, die ersten Wiener Kaffeehäuser ab dem späten 17. Jahrhundert waren wohl wesentlich an der Etablierung jenes Heißgetränks beteiligt, so viel gibt das Allgemeinwissen noch her (auch wenn nicht alles dem Volksmund Entstammende der Wahrheit entspricht: Wer etwa glaubt, das erste Kaffeehaus wäre mit den sagenumwobenen 500 Sack Kaffee eröffnet worden, die nach dem erfolgreichen Sieg über die Türken vor Wien im Jahr 1683 in mitteleuropäische Gefilde transportiert wurden, hat mal wieder einer falschen Legende Glauben geschenkt). Weiterhin spielten wohl die Araber eine nicht ganz unwichtige Rolle – der berühmte Türkische Mokka, klar. Ganz bekannt ja auch die Bohnensorte Arabica, die unter Kennern als eine der hochwertigsten unter den Kaffeebohnensorten angesehen wird. Solche historischen Fakten sind für den alltäglichen Umgang mit Kaffee jedoch nicht mehr von tragender Bedeutung – selbst in angeregten Fan-Talks unter eingefleischten Starbucks-Stammkunden dürften sie kaum Verwendung finden. Denn wen interessiert es schon, ob etwa die Niederländer zeitgleich mit den Österreichern anfingen, sich geschickt durch Kaffee-Export zu bereichern? Wobei spätestens der Name jener Kolonie, in der man den niederländischen Kaffeeversand erstmals in die Wege leitete, einige Koffein-Abhängige dann doch noch hellhörig lassen werden dürfte: Als eine der vier großen Hauptinseln des heutigen Indonesiens, ist auf Java die bedeutendste Pflanzenart aus der Gattung des Kaffees zu finden. Ahh, interessant, Javakaffee *Glühbirne blinkt auf*

Braunes Gold in jeder Form akzeptiert

Mit dem Stempel "Premium-Kaffee" versehen, wird Java heutzutage als exklusive Bohnenmischung vermarktet und steht auf den Ranglisten von sämtlichen Kaffee-Liebhabern weit oben. Scheinbar haben andere Pflänzchen jedoch noch einiges mehr drauf und lassen dementsprechend nicht nur das geschmackliche Niveau in die Höhe schnellen: Edle Sorten wie Jamaica Blue Mountain zu einem stattlichen Kilopreis von 150 Euro wirken noch vollkommen erschwinglich im Gegensatz zu denen der teuersten Kaffeesorte der Welt, Kopi Luwak: 800 bis 1200 Euro pro Kilo, das muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen - bevor sich dann der Großteil höchstwahrscheinlich dagegen entscheidet, auch das Aroma dieses Kaffees auf der Zunge zu spüren. Absolute Kaffeefetischisten jedoch, die sich davon nicht abschrecken lassen, denen kein Weg zu lang und kein Dollar für das braune Wundermittel zu schade ist, sollten gegenüber unkonventionelleren Experimenten nicht abgeneigt sein: Angeblich sind die Magenenzyme von Katzen verantwortlich für das so umjubelte charakteristische Aroma– im Herstellungsprozess werden die teuren Kaffeebohnen nämlich Schleichkatzen als Futter verabreicht, da der Katzenmagen die enthaltenen Bitterstoffe besser aufspalten lässt und - nach der Ausscheidung - als Endresultat den göttlich weichen Geschmack hervorbringt.

Sucht muss nicht immer Sünde sein 
Um einen wahren Kaffeeliebhaber muss es sich also handeln, wer mit Mageninhalten und tierischen Exkrementen im Hinterkopf – und einem dreistelligen Kilopreis- seinen Kopi Luwak noch genießen kann.
Mögen sie in gewisser Weise alle spinnen, diese Kaffee-Fuzis und Koffein-Junkies, mag ein Großteil von ihnen das Risiko eines Herzinfarkt durch Überkonsum tatsächlich eingehen –den langweiligen Teetrinkern und spießigen Kakao-Anhängern sind die hippen Mitglieder des Kaffee-Clubs dennoch immer eine Nasenlänge voraus, oder?

 


SHORT STORY

Thinkin' about a Revolution 

10.11.2019 


Die Anspannung schien in der sengenden Nachmittagshitze mitzuschweben. Schon den ganzen Tag war sie herumgetigert, hatte sich kurz an den Schreibtisch gesetzt, kurz aufs Bett, nur um dann wieder aufzustehen und zum Fenster hinauszublicken. Öder Straßenzug, die Autos unbewegt in dieser Hitze, in der drückenden Nachmittagsstille. Kein Mensch war unter dem flirrenden Asphalt zu sehen, kein kleines Kind auf dem trockenen Rasen der kleinen Vorgärten. Das kleine Café an der Ecke geschlossen, wo man im Stehen seinen Kaffee trinken musste, wollte man sich nicht auf die verschlissenen Sofasitze oder den zerknautschten Sessel hocken. Auch der schäbige Laden mit gebrauchten Elektrowaren war heute nicht offen, den Besitzer sah man in der kleinen Absteige-Wohnung obendrüber seine Fenster putzen. Nie anders als so ruhig und klein hatte sie es hier gekannt – und in einer solchen Umgebung mit ihrer inneren Ruhelosigkeit umso mehr hadern müssen. War nie wirklich zufriedengewesen, hatte sich immer gesehnt; ja die Sehnsucht hatte sich in ihr immer weiter angestaut, eine immer größere Unruhe daraus erwachsen lassen. Angestaut über Jahre, diese prickelnde, stechende, pulsierende, steigende Unruhe. Nervosität. Immer hatte sie hinausgewollt in die große Welt, wenigstens erstmal in die nächstgrößere Stadt. Das hätte möglich sein können, sie hätte gehen können – hätte sie mehr Mumm dazu gehabt. Hätte sie über mehr Courage verfügt, ihren Eltern entgegenzustehen mit ihren vehement ausgesprochenen Verboten gegen solche Vorhaben. Tausende Male, so oft wäre sie gerne weggegangen. Tausende Male, jedes Mal aufs Neue, wurde ihr ein Strich durch die Rechnung gemacht. Ihre Eltern: Dagegen. Tausende Male, so oft hätte sie gerne etwas anderes gesehen. Doch ihre Eltern: Auf keinen Fall, untersteh dich. Und so ging es über all die Jahre hinweg, ihre ganze Jugendzeit lang. Nach dem mittleren Schulabschluss hätte sie sofort verschwinden können. Gen Westen mit seinen wilden Pferden in der Prärie und einer sich scheinbar bis ins Ewige ausbreitenden new frontier. Gen Süden in Länder, wo Zitronen und allerhand sonstige wilde Früchte blühten. Gen Norden für eisige Kälte und klare Sternenhimmel am Polarkreis. Aber sie hatte nicht aufbegehrt, hatte keinen Mut besessen, auszubrechen. Sondern hatte brav und fügsam den weiteren Bildungsweg bis zum Abitur auf sich genommen. 

Das Aufziehen des Windes
Schon in der Nacht davor hatte sie wachgelegen, das fahle Licht der Straßenlaterne betrachtet, wie es die Jahre unverändert in ihr Zimmer hineingeschienen hatte. Den Arm auf der Bettdecke aufgestützt, blickte sie unverwandt durch das immergleiche Fenster mit dem immergleichen Holzrahmen, dessen Farbe schleichend abgeblättert, aber über die Jahre nicht neu aufgetragen worden war. Genauestens hatte sie die verschlungenen Holzlinien betrachtet, die Fasern, die linienförmigen Einbuchtungen im Fensterkreuz; aufmerksam wanderte ihr Blick dann zu jener Stelle im Fensterglas, die beim einzigen Versuch, die abblätternde Lackfarbe zu erneuern, schmierig geworden war und deutliche Pinselabdrücke erkennen ließ. Überall hätte die Farbe hinkommen sollen, nur nicht dorthin, und diese Stelle war verantwortlich für das nur schummrige Durchkommen des Laternenlichtes. Genauso ungenügend, wie sie sich bislang vom richtigen Leben da draußen unerreicht fühlte. Alles bislang Unerlebte, was ihr Unruhe bereitete und sie nicht mehr schlafen ließ. Was ihr dafür im Wachzustand helle Träume verschaffte. Träume von einem aufregenden Leben eigentlich egal welcher Art – sie konnte mit verwegenem Tempo auf einem wilden Pferd in den Weiten von Texas vor sich hin reiten, mit verträumtem Blick von einem Apartment auf 32. Stockwerken Höhe auf das New Yorker Lichtermeer blicken oder versunken in einen höchst romantischen Roman in einem höchst romantischen Café in den Straßen von Paris sitzen- egal, egal, egal. Nur etwas anderes sehen und in ein neues Leben entfliehen. Erlösung von der äußeren Ruhe finden, die sie zusammen mit ihrer inneren Unruhe gefangen hielt und mit weit aufgerissenem Mund lautlos schreien ließ. Die Ketten musste sie sprengen. Den Kampf anvisieren. Den Sturm aufziehen lassen. 


Der Sturm auf die Bastille. 

Natürlich war sie sich bewusst, dass im Leben nicht alle Träume reibungslos erfüllt werden konnten, na klar. Doch angesichts des Umfelds, des Milieus, in das sie hineingeboren war, bestand eigentlich keine Notwendigkeit, ihren Wunsch in die hinterste Ecke zu verbannen -die entsprechenden Möglichkeiten und Voraussetzungen waren definitiv gegeben. Weder lebte sie in einer brasilianischen favela, mit Eltern, die schwer am Hungertuch nagten noch in einem entlegenen Dorf in Japan, in dem die Möglichkeiten der globalen Anknüpfung faktisch bei null lagen. Nein, weiß Gott nicht. Ihre Eltern waren einfach nur stur, spießig, um sie nicht endlich gehen zu lassen. Und sie selbst war lange Zeit viel zu fügsam, brav gewesen, hatte lange nicht einmal gemerkt, dass sie schon längst hätte aufbegehren sollen. Äußerlich ruhig war sie gewesen während dieser Bewegung, die sich in ihrem Inneren anbahnte. Äußerlich ruhig während eines aufziehenden Unwetters, das Blätter und trockene Äste über die Straßen wedeln, Baumstämme ächzen und Gartentüren quietschen ließ. Bei solchen Geräuschen war bereits der unmittelbare Zeitpunkt vor dem Sturm erreicht. Doch zuvor musste ihnen unheimliche Ruhe und majestätische Stille anhaften, diesen Momenten vor dem Sturm. Davor musste es noch einmal ganz still werden, um seinem Getöse die ideale Grundlage zu bereiten. Die Ruhe vor dem Sturm musste zart und fast unmerklich sein, um seinen kriegerischen Namen umso intensiver erscheinen zu lassen. Ihn um seinen Namen überhaupt verdient zu machen. Denn die aufkeimenden Böen und Winde sollte man ja richtig hören können, mit denen sich der Sturm Zugang verschaffte, bevor er sich daran setzte, alles auszulöschen. Bevor er mit seiner ungeheuren Kraft über alles hinwegfegte, alles verschlang, was irgendwie im Weg herumstand und sich weigerte, zu weichen. Selbst zähe Dinge, die anfangs noch genügend Stärke und Widerstandskraft zeigten, konnten der Wucht des Sturmes auf Dauer nicht standhalten. Ihre Eltern. Die hatten sich auch immer vehement gegen jegliche Versuche von ihr gewehrt, die Heimat zu verlassen. Dank der äußeren Ruhe und des fehlenden Protestes von ihrer Seite hatten sie ihren Willen auch stets durchsetzen können. Doch wenn sie diesem absolutistischen Verhältnis den Ewigkeitsanspruch beimaßen, so waren sie schwer getäuscht worden. Von ihrer Tochter, deren so große Ruhe schwer getrügt hatte. Je ruhiger und stiller, desto sicherer hatten sich die Eltern gefühlt in der Annahme, die Tochter werde sich schon fügen. So sicher, wie alle Autos dieser Straße an allen Sonntagnachmittagen an allen stickigen Sommertagen einmütig auf der Straße parken würden. So sicher, wie sich in dieser Straße und diesem Ort nie etwas ändern würde. 

                                        Endlich raus hier 

Ha, diese scheinbare Schüchternheit und Ruhe war nichts weiter als eine Farce gewesen, für deren wahres Gesicht nun die Zeit gekommen war: Das Tosen des Sturmes hatte sich vom ersten Fegen über die Straße angebahnt und nun schon weit das Stadium von nur zittrig hin-und herfliegenden Blättern hier und da verlassen. Nein, er war näher gekommen, mit nicht zu fassender Geschwindigkeit und stand nun direkt vor ihrer Haustür, klopfte an, klopfte gegen die Fensterscheiben, peitschte gegen die Fensterscheiben, verkündete den Ausbruch. Und würde die im Haus wohnenden Herrschaften mit ratlosen und schockierten Gesichtern treffen, weil unvorbereitet. Unvorbereitet und vollkommen ahnungslos. Ihre Mutter öffnete die Tür und schloss sie nach einem kurzen Blick wieder, da sie die Tochter scheinbar regungslos-harmlos am Fenster stehen sah. Schien bloß die Aussicht zu betrachten, nichts weiter. Wäre ihr ansatzweise der Hauch einer solchen Ahnung in den Sinn gekommen, hätte die Mutter einen Moment länger verharrt und mitbekommen, wie ihre ach so ruhige Tochter sich umgedreht hätte. Hätte sie dabei beobachten können, wie sie unter dem Schreibtisch ihren Koffer hervor-und ihren marineblauen Mantel –übergezogen hätte. Hätte einen Ausdruck in ihrem Gesicht gesehen, der von allem bislang Bekannten abgewichen wäre. Keine Sanftheit, sondern Entschlossenheit. Willenskraft statt Fügung, Triumph statt Resignation. Der Kampf war eröffnet. Ah! ҫa ira, ҫa ira, ҫa ira! Leise summte sie vor sich hin, schlug mit einem lauten Knall die Tür hinter sich zu. La liberté triomphera… 
Die Ruhe hatte sich ausgezahlt, um den Sturm aufziehen zu lassen, der sie nach Texas, New York, Paris, London, Utah, Amsterdam, Montana, Sansibar, Feuerland oder ins Himalaya-Gebirge wehen sollte. Oder zumindest erst mal zum nächsten Bahnhof.  


Daily Reflection - hoffnungslos machtlos

19.09.2019

Wohnung in einer europäischen Stadt

Sie sieht seine Gestalt, seine gepflegte Erscheinung in seinem eleganten Anzug. Er tritt ins Schlafzimmer, als sie sich gerade über das Ehebett beugt, um die Seidenüberdecke zurechtzuzupfen. Kaum Zeit, sich umzudrehen und aufzurichten, baut er sich hinter ihr auf, so eng, dass nicht einmal mehr ein Luftzug sie trennt. „ Liebling, die Geschäfte waren heute wieder unglaublich anstrengend. Ich brauche dringend eine Auszeit“, raunt er ihr ins Ohr. „ Du weißt schon“, fährt er fort, seine kräftigen Hände um ihre Taille legend. Sie steht stocksteif da, um es wieder über sich ergehen zu lassen wie schon so viele verdammte Male, in denen sie einfach nichts ausrichten konnte, Male in denen sie manchmal aus purer Ergebenheit auch gar nichts ausrichten wollte. Warum also dieses Mal Widerstand? Sie weiß, es geht nicht. Würde sie sich nur versuchshalber ein Stück von ihm wegbewegen, würde er mühelos nachrücken und sie noch stärker in Gewahrsam nehmen. Nicht nur körperlich, nein. Das Schlimme wäre die Art, wie er ihr ins Ohr hauchen würde, dass sie sich doch bestimmt auf eine weitere Perlenkette freue. Doch um sich dergleichen  zu verdienen, müsse sie ihm erst einmal das verschaffen, was er sich wünsche. Denn was er ihr bisher alles verschafft habe, das sorglose reiche Leben, dürfe sie schließlich nicht einfach so vergessen. Zum Beispiel  die Konten, von denen sie sich zwar beliebig Geld für Handtaschen und Pelzmäntel abheben dürfe, die ihr jedoch auch jederzeit gesperrt werden könnten, wenn sie nicht die erwarteten Gegenleistungen brächte. Deswegen kein Widerstand. Warum also ihre Existenz aufs Spiel setzen, warum sich der Angst aussetzen, auf der Straße zu landen?  

So etwas wie Macht über ihr Leben besitzt nicht sie selbst, sondern jemand anders.  Seine Macht kann ausgeübt werden, weil sie die Grundlage dafür, psychische und physische Überlegenheit ihres Mannes, akzeptiert und äußerst empfänglich ist für die Konsequenzen, die folgen, wenn sie sich dieser Macht widersetzt.  

Textilfabrik in Bangladesch

In der schwülen Luft des Gebäudes hängt harte Arbeit, Schweiß und Erschöpfung. Die Näherinnen nähen sich die Finger wund für einen Stundenlohn, der derart mickrig ist, dass es eine Unverschämtheit wäre, die Bestreitung des Lebensunterhalts davon überhaupt in Erwägung zu ziehen. Allein schon das Geräusch der nahenden schnellen Schritte lässt sie zusammenzucken. Krampfhafte Versuche zur schnelleren Arbeit werden unternommen, um die harschen Rufe des ungeduldigen Aufsehers zu vermeiden. Dadurch werden sie hektischer, ihre ohnehin schon geschundenen Hände rutschen schneller ab, verursachen so das Gegenteil von dem, was sie bezwecken sollten. Die Schritte steuern nun schnurstracks auf sie zu und stampfen, als er direkt vor ihnen steht, hart auf. Dann prasseln wieder Mahnungen und Gebrüll und Beschimpfungen auf sie nieder, derer sie sich nicht erwehren können. Doch warum Widerstand? Nach dem letzten Aufbegehren einiger Zusammenschlüsse unter den Arbeitern gegen die menschenunwürdigen und ausbeuterischen Verhältnisse wurde sich nicht um eine Verbesserung der Situation bemüht, sondern die Löhne noch stärker gekürzt. Die Arbeitgeber zögern nicht lange; wem die Verhältnisse nicht passen, der kann ja kündigen. Denn Nachzug gibt es immer, immer gibt es Nachfrage nach den billigen Arbeitsplätzen vom breiten armen Teil der Bevölkerung aus.  

 Genau das verleiht den Unternehmern Macht, über diese kleinen armen Leute zu bestimmen.  Diese Gesellschaftsbeziehung, die Diskrepanz zwischen Oben und Unten, ist nicht nur für die ungleiche Verteilung von Besitz und Produktionsmitteln verantwortlich, sondern auch für die einseitige Ausübung von Macht vonseiten der Eliten. Je mehr sie davon erhalten, von dieser verlockenden Macht, desto mehr Mitgefühl oder Gespür jeglicher Ethik und Moral geht ihnen verloren. Besitzen sie irgendwann keinerlei Mitgefühl mehr für diejenigen unter ihnen, die ihnen ergeben sein sollten, dauert der Weg nicht lange bis hin zur Gewalt.  Macht ist nicht sofort gleichzusetzen mit Gewalt, aber bisweilen sind die Grenzen fließend.  

Regierungssitz des Staatsoberhauptes einer Demokratie

Kerzengerade steht er am Fenster und lässt seinen Blick umherschweifen. Seine hochgewachsene Gestalt befindet sich zwar in einer selbstsicheren, jedoch ebenso verharrenden Haltung - wachsam und vorsichtig gegenüber etwaigen Geschehnissen, die seinen frisch errungenen Einfluss eindämmen könnten. So wie seine Ministern nebst engsten Beratern, die nun hineinkommen und diverse Vorhaben und Vorschläge, die Zukunft des Landes betreffend, ausbreiten. Ja, die Zukunft. Nachdenklich hört er sich ihre Pläne an, die er mit einer einzigen machtvollen Geste, einem einzigen Wort vom Tisch fegen könnte. Und tun wird. Ja, die Zukunft wird durch seinen Willen bestimmt werden, den er gegen den Willen der anderen durchzusetzen weiß. Widerstand von ihnen? Dazu beherrscht er die Fähigkeit zu gut, die Menschen um sich herum so zu beeinflussen, dass seine eigenen Interessen nach bester Möglichkeit gefördert werden. Ein untrügliches Zeichen der Macht. Macht, die mit seiner Position als wichtigster Mann im ganzen Land gerechtfertigt ist  und die er nicht nur halten, sondern in Zukunft vor allem ausbauen möchte. Seine Nation ist ihm bedingungslos untergeben, die als wiederum als Militärmacht ebenfalls nicht unerheblichen Einfluss und Kontrolle auf diverse andere Staaten ausübt. Ausnahmslos in jedem einzelnen dieser Staaten, in aller Herren Länder, liegen hierarchische Machtstrukturen vor, ganz egal ob reich oder arm, ob modern oder rückständig.

Die Fäden der Macht sind immanent

Denn überall in der Welt, sei es im Kleinen durch sanfte Unterdrückung in der Ehe oder in großen internationalen Duellen unter den wichtigsten der wichtigsten, wird versucht, sich Macht auf hartem Wege zu erkämpfen.  Hat man dieses Ziel erreicht, kann man sich immer dafür entscheiden, gewissenhaft und maßvoll damit umzugehen – in nicht wenigen Fällen jedoch erhöht sich mit zunehmender Macht die Motivation, diese bis ins Unermessliche zu steigern und sich selber immer mehr Freiheiten herauszunehmen. Ein spezieller Punkt auf dem Gipfel der Macht ist besonders heikel; dort,  wo die die Chance besteht, noch die Bremse zu ziehen und Achtung vor Humanität zu bewahren. Oft ist  die Verführung allerdings zu groß, sodass unzählige den Berg in die falsche Richtung hinunterrutschen und sich unbemerkt mitten im Machtmissbrauch und Absolutismus wiederfinden. Sollte gegen man gegen ungerechte Macht nicht ankämpfen? Oder wäre es nicht ohnehin besser, Macht gleich ganz und gar abzuschaffen?

Kann Widerstand überhaupt geleistet werden? Widerstand gegen jene Macht, wenn sie doch ein Wesensmerkmal des Menschen ist, eine Triebfeder, die jedem von uns tief innewohnt?